Interview

Von der Kunst des Beobachtens: Der neue Coming-of-Age-Film „Nackte Tiere“

Am morgigen Donnerstag kommt der neue Coming-of-Age-Film „Nackte Tiere“ in die hiesigen Kinos. Was den Film besonders macht und ihn von anderen Genre-Vertretern unterscheidet, verraten uns Regisseurin Melanie Waelde und Hauptdarstellerin Marie Tragousti im Interview.

Eine Gruppe von Jugendlichen in der kalten Provinz. Ein letzter Winter vor dem Abitur. Ein Film über das Überleben, wie Regisseurin Melanie Waelde später erzählt. Ihr Langfilm-Debüt Nackte Tiere, welches bei der diesjährigen Berlinale in der neuen Sektion „Encounters“ Premiere feierte, bricht mit traditionellen Coming-of-Age-Filmkonzeptionen. Es ist wie eine Begegnung mit Menschen in der Realität: Sie können verschlossen und offen sein, ihre Lebensgeschichten erscheinen lückenhaft, sie sind uns fremd oder auch vertraut. Ein Filmgespräch mit Regisseurin Melanie Waelde und Hauptdarstellerin Marie Tragousti.

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Melanie, wenn man Nackte Tiere anschaut, fällt es schnell auf, dass der Film sich von traditionellen Filmkonzepten entfernt. Statt zu urteilen, erscheint er sehr beobachtend. Wo genau lag da dein Fokus?
Melanie Waelde: Ich habe eine starke Faszination für die Figuren, für den verzweifelten Versuch füreinander da zu sein und die Dynamiken des Zusammenlebens empfunden. Gleichzeitig habe ich das Gefühl, meine Figuren schützen zu müssen. Sie geben nicht mehr preis, als sie wollen. Vielleicht ist das auch feige.

Nackte Tiere spielt in einem provinziellen Umfeld. Welche Rolle spielt die Umgebung für das Leben der Jugendlichen und ihre Geschichten?
Melanie: Der Ort, an dem der Film spielt, ist ein seltsamer Zwischenraum zwischen Stadt und Land. Einer dieser Orte, durch die eigentlich nur durchgefahren wird. Diese Orte haben, finde ich, wenig Identität und schicken dich auf die Suche, weil die Dinge dort nicht so greifbar sind.

Marie Tragousti: Der Ort macht die Menschen – und auch die Fragen, die sie sich stellen. Er erzeugt eine Leere, die du einfach spürst. Wenn du den gleichen Film in Berlin drehen würdest, wäre es etwas ganz Anderes. Hier gibt es ein Gefühl von unendlich vielen Möglichkeiten und Eindrücken, die auf dich einprasseln. Wir sind so geprägt von klischeebehafteten Bildern vom Plattenbau als feindliche Lebensrealität, als Ort der verlorenen Jugend. Für mich ist es auch eine der größten Stärken dieses Films, diese Klischees nicht zu bedienen und die Lebensrealität nicht zu verurteilen oder als zwingend schlimm darzustellen.

Alles, was wir im Film über die Erwachsenen erfahren, ist nur gespiegelt durch die Augen der Jugendlichen.

Regisseurin Melanie Waelde

Die Jugendlichen in Nackte Tiere sind sich selbst eine Familie. Dagegen kommen die Erwachsenen nicht wirklich vor. Was war der Grund dafür?
Melanie: Das war eine sehr bewusste Entscheidung und mein persönliches Empfinden von Jugend. Ich habe das Gefühl, dass irgendwann eine Zeit kommt, in der Erwachsene nicht mehr wirklich existieren und man eine Art Parallelleben lebt. Deshalb ist auch alles, was wir im Film über die Erwachsenen erfahren, nur gespiegelt durch die Augen der Jugendlichen.

Auf der Berlinale lief euer Film in der neugeschaffenen Sektion „Encounters“, die sich zum Ziel macht, ästhetisch und strukturell neue Formen des Kinos zu fördern und mehr Raum für vielfältige Arbeiten zu schaffen. Inwiefern unterscheidet sich Nackte Tiere von klassischen Coming-of-Age-Filmen?
Melanie: Zum einen vermutlich visuell: Die Kamera ist sehr direkt, sehr nah und bewegt sich sehr schnell. Manchen wird beim Zuschauen schlecht. Es ist ein Gefühl von Enge, welches dieser Film durchgehend vermittelt. Zum anderen auf der Erzählebene. Ich finde die Idee der Held*innenreise im klassischen Coming-of-Age-Genre problematisch. Die Vorstellung, dass man die Schwierigkeiten des Lebens überwindet und als vollkommener Mensch aus der Jugend hervorgeht, stimmt einfach so nicht. Und da blickt Nackte Tiere womöglich etwas anders auf die Zeit.

Marie: Man ist so gewöhnt daran, dass einem die Protagonist*innen eine Erklärung der Umstände und Konflikte geben. In Nackte Tiere soll keine Bedeutung forciert werden. Es geht eben eher darum eine Darstellung, ein Sein abzubilden.

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Ein Wort. Ein Satz. Gesprochen, Gehört, Geschrieben. Sie haben Macht. Macht zu erfreuen, zu provozieren, zu informieren, Halt zu geben, zu berühren. Ich will mich hinterfragen und den Leser dabei auf diese Reise mitnehmen. Was dabei rumkommt? Das kann nur jeder für sich selbst wissen, aber das Wichtigste ist, sich immer wieder mit der Welt auseinanderzusetzen. Deshalb schreibe ich und bin sehr dankbar, Teil von Spreewild zu sein.

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