Interview

Spionin im Zweiten Weltkrieg: Die unglaubliche Geschichte der Marthe Cohn

Erst verlor sie ihre Schwester und ihren Verlobten an das Nazi-Regime, dann wurde sie Spionin für den französischen Geheimdienst: Marthe Hoffnung Cohn hat in ihrem Leben Unvorstellbares erlebt. Der Film „Chichinette – Wie ich zufällig Spionin wurde” erzählt ihre außergewöhnliche Geschichte. Wir haben mit Regisseurin Nicola Hens gesprochen.

Von Laura Wilks

Wenn Marthe Hoffnung Cohn, auch liebevoll „Chichinette” (übersetzt „kleine Nervensäge“) genannt, den Raum betritt, wird es still. Die mittlerweile 100-jährige Französin war Spionin im Zweiten Weltkrieg und setzte ihr Leben aufs Spiel, um zur Aufklärung der NS-Verbrechen beizutragen. Als junge, blonde Frau war sie es gewohnt kämpfen zu müssen, um ernstgenommen zu werden. Erst 50 Jahre nach Kriegsende kam ihre unglaubliche Lebensgeschichte an die Öffentlichkeit. Im vergangenen Jahr hat Regisseurin Nicola Alice Hens „Chichinettes” Geschichte als Dokumentarfilm mit künstlerischen Einflüssen auf die Leinwand gebracht. Im Gespräch erklärt sie unter anderem, wie der einzigartige Film zustande kam und warum er gerade für ein junges Publikum relevant ist.

Nicola, wie bist du auf Marthe Cohns Geschichte gestoßen?
Man kann sagen, dass Marthe Cohn mich gefunden hat. 2015 war ich vom Goethe-Institut in Los Angeles eingeladen, um einen Film über Charlotte Salomon, eine deutsch-jüdische Künstlerin, zu präsentieren, bei dem ich die Kamera gemacht hatte. Dort traf ich das erste Mal auf Marthe. Mit ihrem schlohweißen Haar und etwa 1,20m Größe ist sie eine sehr auffällige Erscheinung, vor allem überraschten mich ihre jugendlichen, lebendigen Augen und ihr Humor. Wir unterhielten uns über den Film, den wir gerade gesehen hatten. Ihre eigene Geschichte und ihre Vortragsreisen erwähnte sie nur beiläufig. Zum Abschied sagte sie noch, dass sie in zwei Wochen in Berlin sei und anschließend mit ihrem Mann einen einmonatigen Roadtrip durch Frankreich machen werde. Ein Roadtrip mit 95 – nicht schlecht, dachte ich. Daraufhin recherchierte ich zu Cohn und entdeckte ihre unglaubliche Geschichte. Ich kontaktierte sie per Email und bat, sie in Berlin mit der Kamera begleiten zu dürfen, um Recherchematerial zu sammeln. Sie sagte sofort zu. Mir war klar: Diese Persönlichkeit und ihre Geschichte müssen festgehalten werden – wer weiß, wie lange sie sie noch selber erzählen kann.

„Wenn Marthe nicht mehr da ist, um ihre Geschichte zu erzählen, kann der Film das für sie fortführen.“

Regisseurin Nicola Hens

Welches Publikum sprichst du an?
Ich habe keine konkrete Zielgruppe vor Augen. Der Film spricht eine weite Bandbreite an. Jedoch würde es mich freuen, wenn er auch Jugendliche erreicht. Marthe selbst ist der Dialog mit der jungen Generation besonders wichtig. Betritt sie einen Raum mit jungem Publikum, wird es meist sofort still, ihnen wird bewusst: Wow, diese Frau hat Geschichte am eigenen Leib erlebt.

100 Jahre alt und immer noch schwer beschäftigt: Marthe Cohn ©dpa

Wieso hast du dich gerade für die Verfilmung von Marthes Biografie entschieden?
Es gibt viele, sehr gute Biografien von Überlebenden des Nationalsozialismus. Oft hatten diese jedoch nicht die Gelegenheit zurückzukämpfen. Marthe hatte – nach einigen Rückschlägen – diese Möglichkeit und hat sie angenommen. Ihre Mission war ihr wichtiger als ihr Leben. In Poitiers, wohin sie mit ihrer Familie kurz vor Kriegsbeginn geflüchtet war, halfen sie und ihre Schwester anderen Flüchtlingen, in die sogenannte „Freie Zone“ Frankreichs zu gelangen. Nach der Verhaftung ihrer Schwester organisierte sie die Flucht für ihre eigene Familie. Nachdem dei Nazis ihren Verlobten ermordet hatten, wollte sie der Résistance beitreten, doch dort nahm niemand die kleine blonde Frau ernst. Nach der Befreiung von Paris hätte sie sich ein sicheres Leben in Paris aufbauen können, doch sie entscheid sich, als gelernte Krankenschwester der Armee beizutreten. Der Krieg war noch nicht zu Ende und ihr Bedürfnis, sich gegen das Regime, das ihren Verlobten und ihre Schwester auf dem Gewissen hatte, aufzulehnen, war stärker.

Als eine der wenigen weiblichen Spione war sie es gewohnt, belächelt zu werden. Sie entzieht sich veralteten Rollenbildern und war ihrer Zeit weit voraus. Liegt dir das Thema geschlechtliche Gleichbehandlung persönlich am Herzen?
Weibliche Vorbilder außerhalb der tradierten Rollenmuster sind nach wie vor wichtig. In Marthes Biographie lag der Fokus woanders, es gab keine Zeit für Genderdebatten. Trotzdem finde ich, dass ihr Handeln während des Krieges auch in Bezug auf die genannte Vorbildrolle interessant ist, denn sie hat sich nicht unterkriegen lassen – nicht von der Bedrohung der Nationalsozialisten, nicht von den Resistance-Kämpfern, die in ihr das kleine brave Mädchen gesehen haben und nicht von den Vorgesetzten während des Militärdienstes.

Während der Dreharbeiten gab es eine Situation, die mich ahnen ließ, in was für Hierarchien sich Marthe durchsetzen musste. Beim Abendessen fragte einer der „Militärs“ meinen Tonmann, wie es denn sei, für eine Frau zu arbeiten. Ich war irgendwie amüsiert, aber es hat mir mal wieder gezeigt, wie verkrustet die Ansichten zum Teil noch sind. In meinem Alltag werde ich sonst nicht so offen damit konfrontiert. Ich versuche, mich nicht von Rollenbildern beeinflussen zu lassen, sie vielleicht manchmal sogar bewusst zu brechen. In meiner Tätigkeit als Dozentin für Film und Kamera ermutige ich zum Beispiel vor allem meine Studentinnen, ihren „Respekt“ vor der Technik abzulegen und das Feld nicht ihren männlichen Kollegen zu überlassen. Marthe hat ohne feministischen Hintergedanken gehandelt, aber selbst heute wäre ihr Verhalten eine Ausnahme. Ich habe sie mal gefragt, ob sie sich als Feministin sieht, sie entgegnete schmunzelnd: „Ich war keine der Frauen, die ihren BH weggeworfen haben und verstehe überhaupt nicht, wieso man das gemacht hat“. Wir beide sind also kein Fan von demonstrativen Gesten.

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Was war Marthes primärer Antrieb dafür, ihr Leben der Erinnerung an die NS-Verbrechen zu widmen?
Die Verfolgung während des Krieges war die prägendste Zeit ihres Lebens und die erlittenen Verluste begleiten Marthe noch heute. Sie macht sich noch immer Vorwürfe, dass sie ihre Schwester nicht retten konnte. Nach ihrem Umzug in die USA in den 50er Jahren hielt sie ihre Geschichte verborgen, da sie das Gefühl hatte, niemand interessiere sich dafür. Nach dem Krieg wollten die Menschen nach vorne blicken, nicht zurück. Wendepunkt war 1996, die Shoah Foundation von Steven Spielberg wollte die Erfahrungen der Überlebenden konservieren und Marthe erlebte das erste Mal Interesse an ihrer Geschichte. 2002 erschien ihr Buch „Behind Enemy Lines“ (auf Deutsch 2019 erschienen unter dem Titel: „Im Land des Feindes“). Mit ihren mittlerweile 100 Jahren hat sie noch einen straffen Zeitplan, um möglichst viele Menschen durch Vorträge zu erreichen – sie hat eine neue Mission! Und vielleicht ist es auch eine Art verspätete Widergutmachung, nun endlich angemessen gewürdigt zu werden.

Möchtest du durch die Transpiration einer vergangenen Tragödie auf die momentanen politischen und gesellschaftlichen Problematiken hinweisen?
Die Parallelen zu heutigen Debatten sind unübersehbar. Marthes Biografie ist geprägt von Flucht, Ungewissheit und Verlust, sie spiegelt europäische Geschichte wider und angesichts der aktuellen Debatten um den Umgang mit Geflüchteten, offen geäußertem Rassismus und vermehrter Skepsis gegenüber einem geeinten Europa erscheinen Marthes existentielle Lebenserfahrungen aktueller denn je.

Ich bin überzeugt, dass ein vereintes Europa der einzige Weg ist, um auf Dauer die vielen Nationen und Kulturen friedlich zusammenzuhalten. Marthe betont in Bezug auf den erstarkenden Populismus oft Parallelen zu den 30er und 40er Jahren. Sie hat erlebt, wie schnell die Stimmung umschlagen kann.

„Was für ein Privileg es ist, ohne Krieg aufgewachsen zu sein und in Frieden und Wohlstand zu leben, bemerken wir oft gar nicht mehr – deshalb müssen wir erinnert werden.“

Regisseurin Nicola Hens

Im Film werden Rückblicke in Marthes Leben im Animationsstil dargestellt. Wieso?
Es gibt Momente in Marthes Biografie, die sind emotional enorm wichtig und haben Marthe markiert. Um das zu visualisieren, brauchte ich eine zusätzliche stilistische Ebene. Da Marthe aus der Erinnerung erzählt, hat der Film subjektive Komponenten: Faktisch verformen sich Erinnerungen mit der Zeit graduell. Was sich jedoch nicht ändert, ist das Gefühl zum Erlebten. Die Animation dient also als Abstraktionsgrad und um das Erinnerte nonverbal zu kommunizieren.

Warum müssen wir immer wieder daran erinnert werden, dass Vergessen keine Option ist?
 
Es ist erschreckend, wie kurzlebig das kollektive Gedächtnis ist und dass sich die Geschichte immer wieder wiederholt. Man merkt ja am Beispiel des Nationalsozialismus, wie sich das Narrativ verändert. Die Generation, die den Krieg erlebte, stirbt aus. Heute kann man sich das Leben zu dieser Zeit nicht mehr vorstellen. Anders kann ich mir nicht erklären, dass es Holocaustleugner gibt oder Menschen, die sich ein totalitäres System zurückwünschen. Was für ein Privileg es ist, ohne Krieg aufgewachsen zu sein und in Frieden und Wohlstand zu leben, bemerken wir oft gar nicht mehr – deshalb müssen wir erinnert werden.

Ist „Chichinette“ als eine Art „Wake-up-Call“ zu verstehen?
„Wake-up-Call” ist nicht der richtige Begriff. Ich erhoffe mir, dass der Film eher ein Langstreckenläufer als Sprinter ist. Wenn Marthe nicht mehr da ist, um ihre Geschichte zu erzählen, kann der Film das für sie fortführen – er konserviert ihre einzigartige Geschichte und Persönlichkeit und ist ihr filmisches Denkmal. Zu „Chichinette“ wird es bald Begleitmaterial geben, das den Einstieg in die Diskussion um Nationalsozialismus, Antisemitismus und Rassismus erleichtert. Es würde mich freuen, wenn Schülerinnen und Schüler, die den Film gerne im Unterricht besprechen würden, ihre Lehrer aktiv darauf aufmerksam machen würden.

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