Interview
Ein Mann in einem roten Hemd

  • Andrea Hansen, Warnuts Entertainment

„Schon wieder ein Film über das Dritte Reich!“

Den Satz hört Schauspieler Patrick Mölleken oft. Hier erklärt er seine Vorliebe für kontroverse Rollen.

Mit 25 Jahren kann Patrick Mölleken bereits auf rund hundert Film- und Fernsehauftritte verweisen. Außerdem arbeitet er erfolgreich als Sprecher und Produzent, sein Kurzfilm „Luca“ gewann 2017 mehrere internationale Preise – ebenso wie „Es wird besser“ 2018. Demnächst ist er in „Das letzte Mahl“ zu sehen – einem Film über die Machtergreifung der Nationalsozialisten, der heute, am 85. Jahrestag der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler, in die Kinos kommt. Mit uns sprach er über seinen Hang zu anspruchsvollen Projekten.

In deinem aktuellen Film spielst du einen jüdischen Nationalsozialisten. Wie hast du dich darauf vorbereitet?
Ich spiele den Sohn einer etablierten Berliner Kaufmannsfamilie. Ich persönlich sehe keinen Widerspruch darin, gleichzeitig deutsch und jüdisch zu sein. Von der NS-Propaganda infiziert empfindet meine Rolle Michael Glickstein da leider ganz anders. Um einen Instinkt für meine Figur zu entwickeln, schreibe ich am liebsten Tagebucheinträge aus ihrer Perspektive.
Die Herausforderung war aber zunächst der historische Kontext. Da war meine Großmutter meine wichtigste Ansprechpartnerin. Sie hat das alles miterlebt, kann unglaubliche Bilder beschreiben, von der Reichspogromnacht zum Beispiel. Das sind Eindrücke, die ich nirgendwo nachlesen kann. Letztendlich geht es immer darum, einen emotionalen Zugang zu finden. Ich werde zwar nie so fühlen können, wie eine Person es zu dieser Zeit tatsächlich getan hat – etwas anderes zu behaupten wäre vermessen –, aber man kann ein Gespür für die Figur entwickeln.

Du hast bereits in mehreren Filmen mitgespielt, die sich mit der NS-Zeit auseinandersetzen. Das Thema scheint dir sehr wichtig zu sein.
Absolut. Man hört zwar oft, fast schon vorwurfsvoll: Schon wieder ein Film über das Dritte Reich! Aber die wenigstens wissen wirklich genug darüber, wenn man mal genauer nachhakt. Das Thema ist mit unserer Geschichte so extrem verbunden, dass es auch für die Nachkriegsgenerationen durchaus eine Belastung darstellt, obwohl diese für das dunkle Kapitel unseres Landes nichts können. Nichtsdestotrotz ist es unsere Pflicht, uns zu erinnern, Sorge dafür zu tragen, dass sich die Geschichte nicht wiederholt. Das heißt gleichzeitig aber auch, eine freie Meinungsvielfalt zu akzeptieren und mit Gegnern den Diskurs zu führen. Miteinander zu sprechen ist besser, als gegeneinander zu schweigen.

Es ist unsere Pflicht, uns zu erinnern, Sorge dafür zu tragen, dass sich die Geschichte nicht wiederholt.

Patrick Mölleken, Schauspieler

Um das Miteinander-Reden geht es auch in dem mit dem Webvideopreis 2018 prämierten Musikvideo „Aber“ von Eko Fresh, in dem du einen Rechtspopulisten verkörperst.
Ein aufgebrachter rechter Deutscher und ein desillusionierter Deutschtürke treffen aufeinander und liefern sich einen Schlagabtausch. Spannend finde ich, dass man beide Positionen zwar als sehr krass empfindet, sich an dem einen oder anderen Punkt aber erwischt, vielleicht auch schon selber mal genauso gedacht zu haben. Die Aussage ist auch hier, dass man miteinander reden und seinem Unmut Luft machen sollte. Man darf niemandem den Mund verbieten. Denn was man verbietet, verschwindet ja nicht, es findet nur nicht mehr öffentlich statt und wird somit unberechenbar.

Du wurdest daraufhin angefeindet. Wie gehst du damit um?
Das Musikvideo war ein spezieller Fall. Mein Part wurde von einzelnen AfD-Anhängern rausgeschnitten und für propagandistische Zwecke missbraucht. Das war fatal, weil manche leider nicht direkt erkannt haben, dass ich Schauspieler bin. Auch aus dem linken Spektrum gab es daher Anfeindungen, weil einige Leute dachten, meine Figur wäre real. Klar macht man sich bei der Rollenauswahl schon vorher genau über so etwas Gedanken. Ich habe mir die nötige Zeit genommen, mich dann aber klar für die gemeinsame Botschaft mit Eko entschieden und im nächsten Schritt darauf geachtet, mich äußerlich zu verändern, um so viel Kontrast wie möglich zwischen der Figur und meiner eigenen Persönlichkeit zu schaffen.

Auch als Produzent widmest du dich gesellschaftlichen Themen. Dein Kurzfilm „Es wird besser“ thematisiert Cybermobbing. Was bezweckst du damit?
Ich arbeite mit meinem guten Freund und Regisseur Adi Wojaczek zusammen und für uns ist klar: Wir wollen Themen bearbeiten, die eine Aussage haben und etwas bewirken. Kinder haben teilweise schon früh Zugriff auf Smartphones. Darum findet Mobbing mittlerweile insbesondere auf digitalen Kanälen statt, aber ist hier nicht mehr in der Art „greifbar“, wie es bei einer direkten Konfrontation der Fall ist. Das bedeutet 24/7-Belastung. Dieser enorme Druck und die hohen Zahlen jugendlicher Suizide waren ein Hauptgrund, das Thema anzusprechen. Wir wollen „Es wird besser“ präventiv im Schulunterricht einsetzen, um junge Menschen zu sensibilisieren, genauso wie Lehrer und Eltern. Außerdem ist es unser Ziel, Befürworter für eine Gesetzesänderung in Form eines eigenständigen Straftatbestands, wie in Österreich, zu finden. Eine entsprechende Weiterbildung zuständiger Amtsträger wäre dann obligatorisch. Viele haben hier bis dato leider die Tragweite von Mobbing im Internet nicht begriffen.

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„Wenn Sie Journalistin werden wollen, sind Sie in diesem Studiengang falsch“, hörte ich im ersten Semester nicht nur einmal. Trotzdem habe ich mittlerweile, mit 22, meinen Abschluss – und arbeite stetig daran, den Zweiflern das Gegenteil zu beweisen. Denn das Schreiben lasse ich mir nicht mehr wegnehmen. Es ersetzt für mich rauschzustandsauslösende Substanzen, es ist mein Ventil, wenn die Gedanken zu laut schreien und kein Platz für ekstatisches Tanzen ist. Schreiben kann ich über all das, wonach niemand fragt, was im Gespräch niemand von mir wissen will. Am spannendsten ist aber, anderen Menschen zuzuhören und ihre Geschichte zu erzählen.