In „LOMO: The Language of Many Others“ spielt Jonas Dassler den Blogger Karl, der sich im Netz oft besser verstanden fühlt als in der realen Welt. Im wahren Leben ist er ganz anders drauf, als seine Filmfigur.

Von Kathrin Keller

Karls Leben dreht sich um seinen Online-Blog „The Language Of Many Others“, auf dem er mit seinen Followern über Bewusstseinszustände, Ängste und Träume philosophiert. Anders als seine ehrgeizige Zwillingsschwester Anna schwirrt Karl scheinbar orientierungslos durch die Welt. Von seinen Eltern bekommt er jede Menge Druck.

War es schwierig, sich in die Rolle des ziellosen Karls hineinzuversetzen?
Ich konnte mich schon auf eine gewisse Weise mit Karl identifizieren, weil ich finde, dass er gar nicht so ziellos ist. Von der Außenwelt betrachtet funktioniert er natürlich gar nicht: Er weiß nicht was er machen soll – auch beruflich nicht. Also, all das, worüber wir uns in unserer Gesellschaft definieren, ist ihm unklar. Aber eigentlich hat er ein ziemliches Bestreben danach, das Leben zu verstehen. Und mit einem wahnsinnigen Bestreben führt er ja diesen Blog.

In seiner Mitschülerin Doro glaubt Karl zwischenzeitlich, etwas Besonderes gefunden zu haben. Nach einer kurzen Affäre lässt sie ihn allerdings wieder abblitzen. Zurück bleibt: bittere Enttäuschung. Karl veröffentlicht ein intimes Video der beiden und lässt sein Leben nunmehr von seinen Followern bestimmen – mit fatalen Folgen.

Im Film wird das Phänomen Social Media samt seiner dunkelsten Schattenseiten behandelt. Wie stehst du – als Jahrgang 1996 ein „Digital Native“ – privat dazu?
„Digital native“ – na ja. Klar, ich bin auf die Welt gekommen und es gab Internet. SchülerVZ und Facebook gab es gefühlt auch schon immer. Ehrlich gesagt hatte ich aber nie einen Bezug zu den sozialen Netzwerken, weshalb ich da auch nicht mehr bin. Wenn ich Internet benutze, dann um Nachrichten zu lesen oder um nach Dingen zu suchen, die ich noch nicht kenne.

Du stehst dem Ganzen also kritisch gegenüber.
Das Internet hat sicherlich viele positive Eigenschaften, ich will da gar nichts schlechtreden. Aber wir sehen jetzt auch ein anderes Phänomen: Es geht auf einmal viel mehr um Beeinflussung wie Produktplatzierungen oder Werbung. Auch Donald Trump weiß ganz genau, wie er die Menschen erreichen kann. Mittlerweile wird ja Politik über Twitter gemacht, das ist schon absurd.

Auf der Kinoleinwand tauchen in „LOMO“ häufig Kommentare und Posts von Karls Followern auf. Die Zuschauer hören Stimmen aus dem Netz, die sich mit Karl wie selbstverständlich unterhalten. Die Grenzen zwischen digitaler und realer Welt verschwimmen. 

Glaubst du, wir sind zu leichtsinnig im Umgang mit Social Media?
Wenn jemand etwas im realen Leben zu sagen hat, dann tritt derjenige vor Menschen und sagt: „Hallo – könnt ihr mal kurz zuhören? Ich möchte etwas sagen!“ Eigentlich ist dieser Vorgang behaftet mit Scham. Doch im Internet sieht das anders aus. Ich denke, da fehlt bei vielen absolut ein Bewusstsein.

Was wäre vernünftiger?
Ich will jetzt keinen Appell an irgendjemanden richten – schließlich bin ich kein Politiker. Aber wenn ich so darüber nachdenke, merke ich, dass es mich langweilt, wenn sich jemand ständig selbst produziert und irgendwas Sinnloses vor sich hin labert. Zum Beispiel will ich nicht wissen, was irgendjemand den ganzen Tag trinkt oder isst.

Du bist Ensemblemitglied am Maxim Gorki Theater, wurdest aber auch für deine Leistungen im Film geehrt. Sagst du dem Theater nun ab und machst nur noch Kino?
Nein. (lacht) Ich habe ja erst im Gorki angefangen und will dort definitiv weitermachen. Es ist natürlich toll, dass ich Theater und Film machen kann, das hätte ich mir niemals träumen lassen. Das will ich nicht aufgeben.

Foto: Flare Film GmbH