Eine neue Studie zeigt, wie jung Jugendliche noch sind, wenn sie mit Pornos in Kontakt kommen – jeder zweite unfreiwillig. Doch das eigentlich Problem liegt woanders.

Von Tanja Ransom, 27 Jahre

Es soll ja Streamingdienste geben, die auf „.to“ enden. Selbst wenn man einen noch so harmlosen Lego-Film sehen möchte, ploppen dort Videos mit sexuellen Inhalten auf. So oder so ähnlich können schon sehr junge Menschen ungewollt auf Pornografie im Netz stoßen.

Wie häufig Ähnliches vorkommt, zeigt eine neue Studie der Universitäten Münster und Hohenheim. Im Rahmen des anonymen Online-Fragebogens gab die Hälfte der rund 1 000 Befragten zwischen 14 und 20 Jahre an, bereits Pornos gesehen zu haben, jeder zweite unfreiwillig. Durchschnittlich sehen Jugendliche mit 14,2 zum ersten Mal einen Porno, Jungs früher mit 14 und Mädchen mit 14,8 Jahren. Die 14- und 15-Jährigen kamen im Schnitt schon mit 12,7 Jahren damit in Kontakt.

Laut Jugendschutzgesetz sind sie dafür viel zu jung: Pornografie zu sehen, also Inhalte, bei denen Geschlechtsteile explizit zu sehen sind, ist ab 18 erlaubt. Erotik, die Darsteller und Sex weniger deutlich zeigt, ist für alle über 16 geeignet. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Pornos sind nicht unzugänglich wie die Staub ansetzenden Schmuddelheftchen, die man hinter dem Tankstellentresen gezielt ignoriert. Pornografie ist da, wo wir sind: kostenlos im Internet und in großer Menge. Die Studie zeigt auch: Viele Jugendliche schauen Pornofilme, nur wenige sprechen drüber: Über die Hälfte derjenigen, die Pornos gesehen haben, sagten, danach mit niemandem darüber gesprochen zu haben, selbst wenn die Inhalte sie verstört hätten. Nur vier Prozent wandten sich an Eltern oder Lehrer.

Was uns sprachlos macht

Liegt am Alter? Nicht unbedingt. „Selbst in der Forschung, aber auch an Schulen und bei besorgten Eltern, sind Pornos nach wie vor ein Tabuthema“, sagt Kommunikationswissenschaftler Jens Vogelgesang von der Uni Hohenheim, der die Studie mitverantwortete. Nun ja. Im ersten Moment vielleicht für manch einen beruhigend, dass Eltern oft genauso wenig Lust haben, über ebendiese im Kontext von Pornografie mit uns zu reden. Doch wieso sind Jung und Alt gleichermaßen überfordert mit dem Thema?

„Pornografie ist nur eine Spitze. Dass Sex tabuisiert wird, beginnt früher“, sagt die Berliner Sexualpädagogin Daniela Thörner. Diese Sprachlosigkeit, wenn es um Sex gehe, ziehe sich durch alle sozialen und Bevölkerungsschichten. „Viele von uns wuchsen sprachlos auf und sind das auch geblieben.“ Das zeige sich schon, wenn man als Kind beigebracht bekomme, alle Körperteile zu benennen, nicht aber Penis und Vagina. Doch ohne Scham über Körper, Sexualität und auch Pornografie zu sprechen, könne man lernen.

Und Redebedarf gibt es genug: Ist normaler Sex so? Ist Pornoschauen Fremdgehen? Muss ich denn Analsex haben? Solche Fragen hört Daniela Thörner, wenn sie mit Jugendgruppen oder Klassen über Themen wie Körper, Pubertät, Liebe, Zärtlichkeit und Sexualität spricht. Offiziell dürften die Schüler pornografische Inhalte nicht kennen, deshalb gehe es nur um diese, wenn sie Fragen dazu hätten, wie sie Gesehenes einordnen sollen. „Aus Studien weiß man, dass Jugendliche auch aus Informationsgründen Pornos schauen.“

Sind Pornos schlecht für uns?

Doch ist es nicht höchste Zeit, offener darüber zu reden? Gerade weil uns Pornografie interessiert, betrifft oder betroffen macht. Weil sie scheinbar noch in großen Teilen der Gesellschaft als anstößig gilt, sehr intim ist. Weil uns Pornos nicht nur physisch, sondern auch moralisch beschäftigen können. Weil aufgeworfene Fragen oft schon Antwort genug sind – wenn es nicht nur um Sexarbeit vor einer Kamera geht, sondern auch um Zugänge, die alle für sich selbst stundenlange Diskussionen ermöglichten, wenn man sie denn zuließe. Gespräche über Gender, Rollenbilder, Schönheitsideale, Gesellschaft, Kriminalität, Wirtschaft, Mediennutzung oder Ethik. An deren Anfang oder Ende steht die auf den ersten Blick einfache Frage: Sind Pornos schlecht für uns?

Vogelgesang nimmt sich einen Moment Zeit, ehe er antwortet. Normativ gesehen sei das so. Regelmäßiger Pornokonsum könne, müsse aber nicht zwangsläufig zu bestimmten Vorstellungen führen. Er spricht von stereotypen Geschlechterbildern – der dominante Mann, die unterwürfige Frau – oder davon, wie Sex zu sein habe. „Doch das trifft nicht bei jedem zu, Menschen sind keine Roboter.“

Auch Thörner spricht sich gegen eine Pauschalisierung aus: „Pornos wirken, können die Sicht auf die Welt beeinflussen.“ Sie trügen aber zugleich zu einer weitläufigeren Darstellung von Sexualität und einer Enttabuisierung bei. Letztlich käme es auf die Art von Pornos an, die man sehe, und wie man damit umgehe. Tatsächlich wüssten gerade durch Pornoseiten heute viele Menschen mehr über weibliche Sexualität, zum Beispiel, dass es weibliche Ejakulation gibt. Ob sich 16-Jährige auf diese Weise damit beschäftigen sollten, sei ein anderes Thema.

„Dennoch“, so Thörner, „wären viele Erwachsene überrascht, wie reflektiert die Jugendlichen im Gespräch mit Themen wie Pornografie umgehen.“ Vielleicht ist es an der Zeit, das zu zeigen. Und Menschen, denen man vertraut, die unbequemen Fragen zu stellen, die einen nachts umtreiben.