Musizieren mit Mundschutz? Das „Young Euro Classic“-Festival zu Corona-Zeiten

Das Jugendorchesterfestival „Young Euro Classic“ ist fester Bestandteil der Berliner Musikkultur. Die Corona-Pandemie hat nun sowohl Veranstalter als auch Musiker vor große Herausforderungen gestellt.

Von Ronja Buchin

Normalerweise sind sie mehr als 100 Musiker, heute treffen sie sich lediglich zu siebt zum Proben in den Treptower TUI-Studios. Erst einmal werden Notenständer und Instrumente aufgebaut, aber nicht irgendwie, sondern in exakt zwei Metern Abstand zueinander. Doch die Jugendlichen nehmen es gelassen und es wird scherzend und freundschaftlich geplaudert – jedenfalls bis der Violinist Johann Stötzer den Impuls zum Probenbeginn gibt. Sofort sind alle fokussiert, die Blicke sind fest auf das Notenheft oder einen Spielpartner geheftet, die Stirn ist in Falten gelegt und es ertönen die ersten Klänge von Beethovens 20. Opus. Leichtes Violinspiel und bedächtige, aber imposante Unisono-Passagen wechseln sich immer wieder ab, dabei untermalen die ausladenden Bewegungen der Musiker das Ganze optisch. Plötzlich bricht die Musik ab und es herrscht allgemeines Kopfschütteln. „Es schleppt noch sehr“, heißt es. Also: Nochmal von vorn! Die 14- bis 19-jährigen Mitglieder des Bundesjugendorchesters (BJO) arbeiten konzentriert und sind voll bei der Sache, denn sie wissen: Am Samstag stehen sie endlich wieder beim „Young Euro Classic“-Festival auf der Bühne. Und doch ist eben alles anders.

Bei diesem seit 2000 alljährlich in Berlin stattfindenden Event handelt es sich um eines der wohl bedeutsamsten internationalen Klassik-Festivals. Jedoch mit einer wesentlichen Besonderheit: Es treten ausschließlich Jugendorchestren und -ensembles aus aller Welt auf und so wird auch auf ein eher junges Publikum abgezielt, um klassische Musik mehr in den Fokus großstädtischer Jugendkultur zu rücken. „Das ‚Young Euro Classic‘ ist sehr besonders und so etwas wie ein Highlight für uns. Allein schon, weil es sich um ein richtiges Musik-Festival handelt, das in einem wunderschönen Konzerthaus stattfindet“, schwärmt Lisa Rauchbach, 18-jährige Violinistin, die seit 2017 jedes Jahr dabei gewesen ist.

Kammermusik statt orchestraler Präsenz

In einem turbulenten Jahr wie diesem gestaltet sich die Organisation einer solchen internationalen Veranstaltung allerdings schwierig: Menschentrauben müssen tunlichst vermieden werden und Reisen ist eigentlich gar nicht empfehlenswert. Die Corona-Pandemie erlaubt es den „Young Euro Classic“-Veranstaltern also weder, ausländische Gäste einfliegen zu lassen, noch ist es machbar, ein ausgewachsenes Festival-Publikum im Konzerthaus Berlin zu empfangen.

Die Organisatoren waren daher gezwungen, die ursprünglichen Pläne für 2020 zu verwerfen und ein alternatives, Corona-sicheres Programm zu konzipieren. Felicias Frücht, ebenfalls 18 Jahre alt und Bratschistin beim BJO, verrät, was die Anpassungen für ihr Orchester bedeuten: „Wegen der momentanen Situation wurden nur einige wenige Musiker von uns für ein Quintett-Ensemble und das Beethoven-Septett ausgewählt.“ So zeichnen sich die noch bis zum 10. August andauernden Aufführungen durch einen reduzierten Kammermusik-Charakter aus, deren Interpreten neben den Bundesjugendorchestranten beispielsweise deutsche Universitäts- und Hochschulensembles sowie Mitglieder des Jugendorchesters der Europäischen Union (EUYO) und einige Solisten sind.

Darüber hinaus wurde in Kooperation mit dem Gesundheitsamt und der Berliner Charité ein umfassendes Schutzprogramm erarbeitet, das den Jugendlichen das Musizieren und Zuschauern den Besuch der elf Konzerte durchaus sicher ermöglicht. „Wir sollen auf der Bühne jeweils zwei Meter Abstand voneinander halten und beim Auftritt alle eine Maske tragen, die wir nur zum Spielen ab- und beim Applaus sofort wieder aufsetzen müssen“, erklärt Lisa. Felicias nickt und ergänzt, vor allem die Abstandsregelung erschwere Kommunikation und Zusammenspiel beim Musizieren. Umso erfreulicher ist es, dass sich all die jungen Musiker der Herausforderung stellen und trotz allem beim „Young Euro Classic“-Festival auftreten.

Bis einschließlich Montagabend kann man sich die Darbietungen im Konzerthaus Berlin noch anhören. Am Samstag tritt das Ensemble rund um Lisa und Felicias unter anderem mit Schuberts „Forellenquintett“ auf. Am Sonntag werden ein Trio aus Flöte, Klavier und Fagott sowie eine Lesung zum Thema Europa zu hören sein. Am finalen Tag des Festivals wird das EUYO dann seinen großen Auftritt haben.

Mehr Infos und Tickets gibt es hier.

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