Ilgen-Nur
Gebürtig kommt Ilgen-Nur aus der Nähe von Stuttgart. Jetzt zieht sie nach Berlin.

Ilgen-Nur: „Ja, ich bin eine Slacker-Queen“

Ilgen-Nur lebt ihr Leben im Müßiggang. Mit Erfolg. Mit „No Emotions“ hat sich die Indie-Sängerin 2017 quasi über Nacht einen Namen gemacht. Jetzt erscheint das Debütalbum der 23-Jährigen.

Wie persönlich ist dein Debütalbum?
Es fasst textlich mein Leben der vergangenen zwei Jahre zusammen – die Ups and Downs, schöne Momente, aber auch Momente der Einsamkeit. Denn trotz eines großen Freundeskreises ist man am Ende des Tages eben doch allein und dann stellt man sich die Frage, wer man überhaupt ist und wo der eigene Platz in der Welt ist. Aber ich denke, die Leute werden in den Songs ganz verschieden Dinge lesen. Und das ist okay.

Warum heißt es „Power Nap“?
Das kam ganz spontan. Das Album war schon fertig aufgenommen und ich war sehr gestresst wegen dem Albumtitel. Alle sagten, ich solle mich nicht stressen, das würde ganz von selbst kommen. In einer Nacht habe ich dann gerade ein paar Artikel online gelesen und da kam plötzlich der Begriff „Power Napping“ auf und ich wusste – das war es. „Power Nap“ ist einfach so eine gute Wortkombination und ich konnte mich so damit identifizieren. Die „Power“ verbunden mit dem „Zurückgelehnten“ – nicht dem Gesellschaftsdruck zu folgen oder alles immer sofort machen zu müssen. Die beiden Wörter beschreiben mich und meine Persönlichkeit einfach sehr.

Du wirst in der Musikszene als „Slacker-Queen“ bezeichnet. Kannst du dich damit identifizieren?
Als Musikerbeispiele würden mir dann „Pavement“ oder „Mac Demarco“ vorgeschlagen und da dachte ich, das sind alles Musiker und Dinge, die auf mich zutreffen und macht schon Sinn. Faulenzen und Nichts-Machen geht dann aber auch nicht immer, denn da ist ja noch die Musik, Konzerte spielen, produzieren. Aber ich kann mich total mit dem Slackertum identifizieren! Ich hatte oft Jobs, die ich nicht mochte wie 30 Stunden in der Bäckerei stehen. Jetzt kann ich aufstehen und schlafen gehen wann ich will, hinziehen wo ich will. Ich kann mir alles frei gestalten, ob ich jetzt mal drei Tage nichts mache oder richtig produktiv bin, das liegt bei mir.

Du stehst erst seit etwa zwei Jahren auf der Bühne. Wie ist das, nach so kurzer Zeit schon auf Festivals wie dem Lollapalooza zu spielen?
Ich gewöhne mich immer noch daran, aber es fühlt sich nicht extrem unnatürlich an, weil es das ist, was ich schon immer machen wollte. Seit ich ein Teenager bin, wollte ich Musikerin sein und jetzt hat es „geklappt“ und ich versuche, es zu genießen. Natürlich kommen damit auch viele Dinge, mit denen man nicht gerechnet hat. Heute weiß ich, was alles passieren muss, bis ein Album überhaupt erscheinen kann: Die Musik muss geschrieben, aufgenommen und gemischt werden, es müssen Interviews gegeben werden, eine Albumtour. Es gehört einfach viel dazu. Das musste ich erst alles kennenlernen. Auch live spielen war neu für mich. Früher saß ich in meinem Zimmer und hab Songs geschrieben, heute habe ich eine Live-Band. Ich hatte super viel Glück und die Leute mit denen ich zusammenarbeite sind auch alle meine Freunde. Deshalb fühlt sich alles sehr natürlich an.

„Manchmal denke ich, Musiker sein ist 5 Prozent Musik machen und 95 Prozent organisieren”

Indie-Sängerin Ilgen-Nur

Überfordert dich diese Musikindustrie manchmal?
Auf jeden Fall! Manchmal denke ich, Musiker sein ist fünf Prozent Musik machen und 95 Prozent organisieren, managen und seinen Senf dazugeben. Ich habe das Gefühl, dass das mehr Zeit einnimmt als die eigentliche Musik. Aber das gehört dazu und macht mir teilweise auch super viel Spaß, stresst aber eben auch.

Du wirst oft mit Musiklegenden wie Pavement verglichen. Hast du musikalische Vorbilder?
Natürlich. Courtney Love oder Kate Nash haben mich vor allem in meinen früheren Jahren geprägt. Jeff Buckley finde ich gerade total interessant oder Mitsky. Generell tun sich gerade so viele talentierte Indie-Künsterlinnen auf, die sich in ihrer Musik komplett nackt machen und das finde ich sehr inspirierend.

Wie bist du eigentlich zur Musik gekommen?
Ich habe mit zehn Jahren angefangen Klavierunterricht zu nehmen, hab mir zu meinem 16. Geburtstag eine E-Gitarre gewünscht und dann später zu meinem 18. einen Bass. Ich habe immer schon gerne Instrumente gespielt, aber so richtig zum Musik schreiben bin ich durch das Album „Made of Bricks“ von Kate Nash gekommen. Das habe ich mit elf Jahren angehört und dann war mir klar: Ich will auch Geschichten erzählen und Musik machen.

Deine Videos haben oft eine ganz eigene DIY-Ästhetik. Filmst du selber?
Ja, oft. Für „Cool“ zum Beispiel brauchte ich ein Video. Dann bin ich einfach mit einem Camcorder los, hab meine Freunde und die Stadt gefilmt, das Ganze geschnitten und hochgeladen.

„Ich habe oft den Easy Way Out genommen.”

Indie-Sängerin Ilgen-Nur über Trennungen

Du singst oft über Selbstbewusstsein, manchmal auch fehlendes Selbstbewusstsein. Bist du selbst ein starker Mensch?
Jein. Es gibt Momente, in denen ich mich super selbstbewusst fühle, alles super läuft und ich mich wohlfühle in meiner Haut. Dann gibt es aber auch Tage an denen ich denke ich bin nicht so talentiert wie ich es gerne wäre. Ein gewisses Grundselbstbewusstsein habe ich, aber das liegt nur daran, dass ich es sehr lange nicht hatte und mir immer gezielt Vorbilder rausgesucht habe die mir kraftvoll erschienen. Als Teenager mit fehlendem Selbstbewusstsein habe ich dann immer so getan als hätte ich ein „Fake it till you make it“. Frauen wie Courtney Love erschienen mir so taff, zeigten aber gleichzeitig so viele Emotionen in ihren Songs. Das fand ich super interessant und wollte auch so sein.

Einer deiner neuen Songs heißt „Easy Way out“. Denkst du, viele Menschen wählen heutzutage den leichten Weg?
Es ging vor allem um den Moment, wenn man eine Beziehung beendet, eine Person nicht mehr sehen will und nicht mal mehr versucht an beispielsweise Freundschaften zu arbeiten. Ich habe das oft gemacht und das hat sich manchmal sehr gut angefühlt. Aber ich denke trotzdem, dass es wichtig ist, an Problemen zu arbeiten und nicht den einfachen Weg zu nehmen sondern sich damit auseinanderzusetzten.

Wie geht es jetzt für dich weiter?
Ich ziehe nach Berlin, bringe mein Album raus, bereite mich mit großer Vorfreude auf eine sehr lange Tour vor. Drei große Schritte. Ich habe aber auch schon angefangen, an einem neuen Album zu arbeiten.

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Der kuriose Briefmarkensammler in der Bibliothek oder ein mal zu Späßen aufgelegter Busfahrer – es sind die kleinen wunderbar skurrilen Alltagsgeschichten unserer Großstadt, die ich mit meinen Worten einfangen will. Ich, eine waschechte 18-jährige Berlinerin, die neben dem geschriebenen Wort auch ein großer Fan von guter Musik und Woody-Allen-Filmen ist. Schreiben bedeutet für mich reflektieren, verstehen und sich einfach mal fallen zu lassen, ganz nach Frau Lindgrens Devise: „Man muss so schreiben, dass es für einen selbst eine Freude ist, sonst kann es auch für andere keine Freude sein.“

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