Mann mit Kapuzenpulli
Disarstar (Ausschnitt)

„Man muss sich eingestehen, wenn man ein Problem hat“

Kapitalismus, Rassismus, Polizeigewalt: Disarstar beschreibt auf seinem neuen Album „Bohemien“ jede Menge Missstände.

Kritik an Kapitalismus und Konsum taucht in den Charts eher nicht so häufig auf – bei Disarstar gehört beides zum Markenkern. Auf seinem neuen Album „Bohemien“ wird es gewohnt politisch, da rappt er auch über Polizeigewalt, Rassismus und die AfD. Am Telefon hat uns der Hamburger erzählt, warum er so ein kritischer Geist ist.

Am 15.2. ist dein Album „Bohemien“ erschienen. Bohemien steht für eine leichtlebige und unkonventionelle Künstlernatur. Warum dieser Albumtitel?
Ich gehe ja nebenbei noch auf das Abendgymnasium und ich hatte eigentlich Physikunterricht, der dann aber ausgefallen ist. Dann haben wir gegenüber in einem Café gesessen und Weißwein getrunken – um 15 Uhr. Danach sind wir dann besoffen in den Matheunterricht gegangen. Ich habe ein Foto von den Weingläsern in meine Insta-Story gepostet und darauf hat ein guter Freund von mir mit „richtiger Bohemien“ geantwortet. Da dachte ich, das passt! Was einen Bohemien auszeichnet, ist die Kunst um jeden Preis, unabhängig vom kommerziellen Erfolg, und klar gegen bürgerliche Standpunkte zu sein. Das sind so Aspekte, die ziemlich gut auf mich zutreffen.

Wenn die Leute mich sehen, dann erwarten sie etwas anderes als das, was sie im Endeffekt kriegen, wenn sie sich mit mir unterhalten. Das mag ich.

Disarstar, Rapper

Du hast eine sehr linke politische Haltung, die man eher so in die Punk-Richtung einordnen würde. Du siehst aber nicht so aus. Spielst du ein bisschen damit?
Das mit dem Punk-Vergleich sehe ich als Kompliment, aber: auf jeden Fall! Wenn die Leute mich sehen, dann erwarten sie etwas anderes als das, was sie im Endeffekt kriegen, wenn sie sich mit mir unterhalten. Das mag ich.

Gesellschaftskritik ist im Deutschrap stark unterrepräsentiert. Warum?
Rap ist total gut darin, bestehende Verhältnisse und auch Missstände zu reflektieren. Gerade so Straßenrap wie zum Beispiel von Haftbefehl, wenn er erzählt, wie sein Leben ist in der Gegend, wo er groß geworden ist. Das finde ich schon sehr politisch. Ich glaube nur, dass Rap da keine Schlussfolgerungen zieht oder Ursachen reflektiert. Das ist tatsächlich unterrepräsentiert und ich glaube, das liegt am Mangel politischer Bildung.

Viele stehen auf Kommerz, vermitteln in ihren Texten neoliberale oder konservative Ansichten. Siehst du das kritisch?
Ich sehe das total kritisch, gerade diesen neoliberalen Standpunkt: Von wegen „Ich bin Boss“ und wenn du versagst, dann liegt es daran, dass du nicht hart genug gearbeitet hast und dass du nicht Boss/Alpha genug bist (wie in Kollegahs Buch „Das ist Alpha – Die 10 Boss-Gebote“ propagiert, Anm. d. Red.). Eine der größten Systemlügen ist ja „Jeder kann es schaffen“. Da kann ich nur Volker Pispers zitieren: „Jeder kann es theoretisch schaffen, aber auf gar keinen Fall alle.“ Denn so funktioniert das System ja nicht. Ich glaube, Erfolg ist immer auch Glück. Das ist etwas, was Rap überhaupt nicht reflektiert.

Der Kabarettist Volker Pispers über die „Systemlüge“ des Kapitalismus, von der Disarstar spricht.

Überhaupt: Haltung. Zum Beispiel Chemnitz: Wo ist das Rückgrat von Deutschrap geblieben?
Ich weiß nicht, ob Deutschrap jemals dieses Rückgrat hatte. Ich finde nämlich, Aussagen wie „Ich bin gegen Nazis“ oder „Ich bin gegen Rassismus“ sind einerseits schön. Es sind andererseits auch Null-Aussagen. Das ist wie zu sagen: „Ich bin gegen Krebs.“ Ist zwar eine coole Aussage, aber es kostet halt nichts. Ich finde es eher bedenklich, dass wir in einer Zeit leben, in der „Sag Nein zu Rassismus“ als krass Rückgrat-Haben aufgefasst wird.

Von rassistischem Gedankengut bekomme ich hier in Berlin so gut wie gar nichts mit.
Das geht mir in Hamburg ähnlich. Ich habe Freunde in Halle oder Leipzig, die ein antirassistischer oder linker Standpunkt viel mehr kostet als mich als Hamburger. In Halle musst du im Zweifel abends an der Bushaltestelle unter Beweis stellen, wie sehr du gegen Nazis bist. Wenn man sich in rechten Foren rumtreibt, dann stehen da so Sachen wie: „Ich kann ja nicht mal mehr im Bus fahren, ohne dass dort eine mit einem Kopftuch sitzt.“ Ich als Hamburger Jung – und wahrscheinlich auch du als Berliner – wir sind noch nie in einen Bus gestiegen, ohne dass da eine mit Kopftuch saß. Mir geht es trotzdem gut. Ich bin auch noch nicht beim „IS“.

Ich habe nichts gegen Trap oder Autotune […]. Es langweilt mich aber.

Disarstar, Rapper

Geht dir Standard-Rap auf den Sack oder warum hebst du dich so vom Rest des Genres ab?
Erstmal vielen Dank, dass du das Gefühl hast, dass ich mich vom Genre abhebe. Aktuell kannst  du ja von zehn Künstlern Songs auf eine CD pressen – gib mir die und ich höre nicht raus, dass das unterschiedliche Künstler sind. Es ist total beliebig geworden. Es nervt mich schon. Ich habe nichts gegen Trap oder Autotune und dass die Dinge sich verändern. Ich finde es gut, dass sich die Dinge verändern, bin weder konservativ noch reaktionär. Es langweilt mich aber.

Wie lange kann man tiefe Themen abhandeln, bis man sich wiederholt?
Ich glaube: ewig. Ich glaube, dass sich die Songs weiterentwickeln. Auf dem letzten Album hatte ich den Song „Konsum“ und auf dem neuen Album habe ich den Song „Nikes x McDonalds“. Im Kern sind das inhaltlich eigentlich die gleichen Songs, aber ganz anders umgesetzt.

Wie kommt ein junger Mensch auf solche Themen? Gab es da irgendwelche bestimmten, prägenden Ereignisse?
Ich bin mit 15 von zu Hause ausgezogen, hab ab 16 alleine gewohnt, in einem Wohnraum vom Jugendamt. Reife kommt durch Verantwortung. Es gibt Leute, die mussten mit 30 noch keine Verantwortung übernehmen, die sind noch wie Kinder. Dann gibt es welche, die müssen ab ihrem achten Lebensjahr Verantwortung übernehmen. Ich glaube, dass das Reifeprozesse extrem beschleunigt. Und dann bin ich dazu einfach ein reflektierter Typ, der viel über sich und die Welt nachdenkt.

Was hältst du alten Menschen entgegen, die argumentieren, du wärst zu jung, um über das Leben nachzudenken?
Da halte ich gar nichts entgegen, das finde ich so derbe affig. Was soll denn Erwachsensein sein? Was soll denn Reife sein? Wenn du ein Schwachkopf bist, bist du ein Schwachkopf. Mir egal, ob du 60 oder 18 bist.

Drei Fragen an die Politik: Welche würdest du stellen?
Zum einen würde ich fragen, ob sie finden, dass die Welt so bleiben soll, wie sie gerade ist. Bei bürgerlicher Politik geht es ja nie um Revolution oder Veränderung im Kern. Es geht immer darum, die bestehenden Verhältnisse zu restaurieren oder reformieren. Wenn man sich die Geschichte der Menschheit anguckt, dann wird einem klar, dass sich die Welt immer verändert hat. Es ist absurd zu glauben, dass in 150 Jahren die Leute auf 2019 zurückblicken und denken: „2019, da wussten die schon alles.“ Es ist einfach absurd zu glauben, dass der Kapitalismus, so wie er heute ist, bestehen bleibt. Das reflektiert die Politik überhaupt gar nicht. Eine weitere Frage wäre, wie es aussieht mit der Reichensteuer. Ob man nicht mal irgendwann aufhören will, auf den Flüchtlingen rumzuhacken und die Verteilung zwischen unten und oben überdenkt. Die dritte Frage wäre, wann das grundgesetzwidrige und menschenverachtende Hartz IV endlich abgeschafft wird und durch bedingungsloses Grundeinkommen ersetzt wird. Ich glaube, dass wir mit dem Kapitalismus an einen Punkt gekommen sind, wo die Menschheit so krass produktiv ist, dass selbst wenn man nur die Maschinen arbeiten lässt, schon genug für alle da ist.

Vor der Bundestagswahl 2017 hat Disarstar der FDP-Politikerin Katja Suding die Meinung gegeigt.

Du wurdest kritisiert, weil du bei einem Majorlabel bist und Musik für einen Werbespot des Modehändlers „About You“ gemacht hast. Was entgegnest du?
Bei „About You“ war es nach dem Motto: „Ich war jung und brauchte das Geld.“ Ich musste meine Miete zahlen. Wenn man in einer schwierigen Phase ist und dann so ein saftiges Angebot kriegt, da will ich mal den sehen, der sagt, ich lehne das ab und schlafe unter einer Brücke und ziehe eine Nummer beim Arbeitsamt, anstatt das kurz zu machen. Ich sage immer, du kannst im Kapitalismus nicht antikapitalistisch leben. Am Ende bist du dieser Verwertungslogik unterworfen – ob du willst oder nicht. Zu der Warner-Nummer, da finde ich die Kritik total blöd: Die Leute sollten sich eher für mich freuen, dass ich Leute habe, die mir helfen meine Musik professionell zu veröffentlichen. Was soll denn ein Major heutzutage noch sein? Das wird so hingestellt, als wäre das heutzutage noch etwas Besonderes. Ein Major-Label kann nichts, was ein Independent-Label nicht auch kann.

Du gehst zur Abendschule. Warum? Die allermeisten Rapper behaupten ja, Rap braucht kein Abitur (zum Beispiel Bass Sultan Hengzt auf seinem so betitelten Debütalbum 2003, Anm. d. Red.).
Ich habe früher kein Abi gemacht, weil ich damals derbe zerschossen und mit mir selber beschäftigt war. Ich hatte überhaupt keinen Fokus in meinem Leben und hatte auch noch keine Idee, was ich wollte. Deswegen mache ich jetzt erst mein Abi. Ich glaube absolut nicht, dass Rap Abitur braucht. Ich finde, das ist die bescheuertste Aussage die F.R. jemals getroffen hat (Der Rapper hat 2008 in einem Song behauptet, Rap bräuchte doch Abitur, Anm. d. Red.) . Kunst braucht gar nichts und auf jeden Fall keinen Schulabschluss. Es ist aber auch keine Grundvoraussetzung, dass sie keinen Schulabschluss hat. Kunst kann studiert sein, sie kann aber auch aus der Gosse kommen.

Die Charts haben eigentlich gar keine Bedeutung. […] Es wäre natürlich schön, wenn es dieses Album in die Top 10 schafft. Wenn nicht, ist es aber auch Lachs.

Disarstar, Rapper

Im Interview mit dem Youtube-Kanal „Einigkeit, Rap und Freiheit“ meintest du, dass du Journalist werden wolltest: Kicker-Chefredakteur. Da haben oder hatten wir denselben Traum. Realistisch oder nur ein Kindheitstraum?
Ich bin jetzt mit meinen fünfundzwanzig an einem Punkt, wo ich mir mit allem, was ich so in den letzten Jahren gemacht und nicht gemacht habe, ein Selbstvertrauen erarbeitet habe. Das ist also noch nicht vom Tisch. Jetzt mache ich erstmal mein Abi fertig und danach werde ich irgendetwas studieren, da muss ich mal gucken, was. Vielleicht werde ich dann noch Kicker-Chefredakteur, ich traue es mir auf jeden Fall zu.

Dann kommt es zum großen Battle zwischen uns beiden um die Chefredakteur-Position.
Oder ich stelle dich einfach ein. Dann muss ich die Arbeit nicht machen und kassiere nur ab, wie Chefs das so machen.

Machen wir so. Jetzt kommt ja mit Bohemien dein drittes richtiges Album (abgesehen von mehreren Mixtapes). Nach den Chartplatzierungen 19 und 16 – was für eine Bedeutung haben die Charts für dich?
Die Charts haben eigentlich gar keine Bedeutung, denn sie sagen schon gar nichts mehr über Verkäufe aus. Ich meine, in den amerikanischen Billboard-Charts ist vor Kurzem jemand mit 823 verkauften Einheiten auf die 1 gegangen. Das ist der Stellenwert von Charts. Es ist natürlich immer noch wichtig für die Kommunikation, also wenn man sich in irgendwelche Talkshows reinsetzen will oder so. Aber ja: erstes Album 19, zweites 16. Es wäre natürlich schön, wenn es dieses in die Top 10 schafft. Wenn nicht, ist es aber auch Lachs.

In Richtung Schluss nochmal was etwas Ernsteres, du hast ja auch eine Drogen-Vergangenheit. Was würdest du Kindern und Jugendlichen in dieser Hinsicht mit auf den Weg geben?
Jeder muss irgendwie seine eigenen Erfahrungen machen, würde ich sagen. Jeder muss einen Weg für sich finden. Ich denke, dass Drogen und Alkohol, etwas Gesamtgesellschaftliches geworden sind, ob man das gut findet oder nicht. Da gibt es wenig richtig oder falsch. Lass natürlich lieber die Finger von Kokain und Heroin, denn das sind Sachen, aus denen man nie so wirklich wieder rauskommt. Sei respektvoll zu dir selbst und reflektier dich selbst fürsorglich. Man muss sich auch eingestehen, wenn man ein Problem hat. Ich kann das zum Glück gut. Ich trinke jetzt ja wieder Alkohol. Hin und wieder, also jetzt schon wieder seit zwei Monaten nicht. Ich kann das irgendwie gut an- und ausschalten.

Kategorien Musik Spreewild

Ich bin der Lukas und 18 Jahre alt. Ich schreibe gerne Artikel, am liebsten über Fußball, weil ich mich dafür brennend interessiere. Ich habe eine Dauerkarte bei Hertha BSC und gehe jedes zweite Wochende, bei einem Heimspiel, ins Stadion.