Der erste Song von Alice Merton wurde ein Welthit – ganz ohne großes Label. Nun erscheint ihr Debütalbum „Mint“.

Mit ihrem Hit „No Roots“ verpasste Sängerin Alice Merton der halben Welt einen Ohrwurm. Bis dahin war sie der Öffentlichkeit völlig unbekannt gewesen, hatte außer einem Bachelor an der Popakademie Baden-Württemberg nicht viel vorzuweisen. Nun erscheint am 18. Januar 2019 ihr Debütalbum „Mint“. Wir haben die Wahlberlinerin zum Interview getroffen.

Magst du Minze?
Total! Egal ob Bonbons, Kaugummis oder Tee. Auch in unserem Büro stehen überall Minz-Pflanzen. Schon seit ich klein war, hilft mir das bei Ängsten oder Krankheit.

Also war der Titel für dein Album sofort klar?
Ich habe ewig nachgedacht. Ein Wort, das es zusammenfassen soll. Als ich nachts einmal wach lag, wurde mir klar, dass das Album „Mint“ heißen muss.

Du bringst das Album mit deinem eigenen Label Paper Plane Records raus. Warst du nicht schon genug ausgelastet?
Für gewöhnlich versuchen Musiker, einen Vertrag mit den großen Plattenlabels – sogenannten „Majors“ – zu ergattern. Ein Label ist für den Vertrieb verantwortlich, dass die Musik also zu den Hörern kommt. Im Gegenzug haben sie aber die Kontrolle, ob und wenn ja, wie deine Musik veröffentlicht wird. Wenn deine letzte Single nicht gut lief, lassen sie dich dann auch mal zwei Jahre nur schreiben. Unsere Musik wollten sie auch ändern, da haben mein bester Freund Paul Grauwinkel und ich uns unabhängig gemacht. Dieser gesamte Prozess ist auch auf dem Album hörbar. Ich bin nicht gut im Erklären von Gefühlen, aber mit Songs klappt es dann doch.

„Kein Künstler sollte sich vorschreiben lassen, wie seine Kunst sein soll!“

Warum stellen andere Newcomer das nicht genauso an?
Vielleicht weil die wenigsten wissen, wie so etwas angestellt wird. Und es ist ein Risiko, weil du bei null anfängst, ohne festes Einkommen, und von keinem riesigen Netzwerk gepusht wirst. Da zweifelst du schon mal. Doch ich bin überzeugt, dass harte Arbeit belohnt wird. Und wir hatten Glück!

Das klingt eher nach viel Arbeit …
Paul und ich teilen uns die Aufgaben. Ich übernehme den kreativen Part. Also plane ich zum Beispiel Musikvideos oder Shootings und arbeite selbst an meinen Songs, aber kann mir dabei aussuchen, mit wem ich zusammenarbeiten möchte. Diese Freiheit, allein entscheiden zu können, wie meine Musik klingen soll, ist mir das Wichtigste. Kein Künstler sollte sich vorschreiben lassen, wie seine Kunst sein soll!

Möchtest du mit deinem Label auch andere Künstler fördern?
Ja, das ist ab diesem Jahr geplant. Dann müssen die Musiker aber gewillt sein, sich weiterzuentwickeln. Ich möchte nie stillstehen und arbeite selbst schon am folgenden Album.

Wie ist es, ein Unternehmen mit seinem besten Freund zu führen?
Als wir nach Berlin gezogen sind, mussten wir uns eine Einzimmerwohnung teilen, weil all unser Geld in das Label floss. Mit jemandem, der nicht dein Boyfriend ist, auf so engem Raum zu wohnen und gleichzeitig zu arbeiten, ist schon hart – aber irgendwie lief’s. Wir sind ein gutes Team. Um unsere Freundschaft geht’s auch in dem neuen Song „2 Kids“.

Aber kommt es zwischen euch nicht auch mal zu Reibereien?
Klar streiten wir. Unsere Grundregel heißt aber: Jeder kümmert sich um sein Gebiet und große Entscheidungen treffen wir gemeinsam.

„Dann habe ich in einem Altenheim Teller gewaschen, um Geld zu verdienen.“

In der Ankündigung des Albums heißt es, du wärst der wahr gewordene American Dream: „von der Tellerwäscherin zur heiß gehandelten Newcomerin“?
Ha! Na, wie man’s nimmt. Paul und ich haben neben der Uni als Pastaköche gearbeitet. Weil ich aber jedes Angebot annahm, um nach Berlin zu fahren und an Aufnahmen oder mit Produzenten zu arbeiten, wurde ich rausgeschmissen. Dann habe ich in einem Altenheim Teller gewaschen, um Geld zu verdienen.

Seit deiner Jugend hast du in Kanada, England, Frankreich und Deutschland gelebt. Nun bist du in Berlin gelandet. Was heißt es für dich, ein Zuhause zu haben?
Das ist das Gefühl von Familie, Freunden und den Erlebnissen und Erinnerungen. Ein Zuhause ist nicht zwangsläufig ein bestimmter Ort.

So als Weltenbummlerin: Hast du einen Tipp, um in einer fremden Stadt neue Leute kennenzulernen?
Sportvereine eignen sich gut! Oder Apps wie Tinder. Es muss ja nicht für eine Nacht sein, aber neue Kontakte sind superwichtig. Das habe ich auch meiner Schwester geraten, denn sie ist neu in Berlin.

Beitragsbild: Tim Bruening