Nach Kalifornien ausgewandert, in Berlin gelandet: Von ihrer Flucht hat Sophie Hunger eine neue Platte mitgebracht.

Dass Sophie Hunger auch ohne Band kann, ist auf ihrem neuen Album „Molecules“ zu hören, das am 31. August erscheint. Aber warum ist sie eigentlich abgehauen und hat alles alleine gemacht? Wir haben die Schweizerin zum Interview getroffen.

Seit dem letzten Album hat sich dein Stil ziemlich verändert. Wie kam’s?
Instrumente spielen und Lieder schreiben kann ich ja, aber ich kannte mich überhaupt nicht mit der Aufnahmetechnik und der Software aus. Deswegen bin ich in die USA gezogen, um diese Dinge zu lernen und dann auf meinem neuen Album auszuprobieren.

Warum war dir das so wichtig?
Mich hat gestört, dass ich nicht selbstständig sein konnte.

Also brauchst du nun niemanden mehr, der dir hilft?
Nicht ganz. Ich habe mit einem sehr guten Produzenten zusammengearbeitet.

„Molecules“ ist ein Experiment

Was sehr auffällt: Du singst zum ersten Mal ausschließlich auf Englisch.
Ich wollte meine Möglichkeiten für dieses Album reduzieren, möglichst wenige Elemente haben. Ich wollte mir damit etwas wie ein kleines Gefängnis bauen.

Warum wolltest du dich eingrenzen?
Ich neige dazu, sehr viele verschiedene Sachen zu machen. Dieses Album habe ich wie ein Experiment behandelt, bei dem ich mir am Anfang gesagt habe: „Du darfst jetzt nur diese vier Sachen verwenden, es darf nur eine Sprache geben und du musst alles alleine aufnehmen!“ Das fand ich irgendwie lustig.

Bist du zufrieden mit dem Ergebnis?
Ja, aber ich werde das nicht immer so weitermachen. Auf meinem nächsten Album will ich wieder mit einer Band arbeiten. Wenn man immer alleine am Computer arbeitet, ist das wie ein ewiges Selbstgespräch. Nach diesem Erlebnis brauche ich wieder das Rudel, ich kann nicht mehr der einsame Wolf sein.

(Wie wir „Molecules“ finden, lest ihr hier.)

Gibt es eine Botschaft, die du durch dein Album verbreiten möchtest?
Nein, das finde ich ein bisschen autoritär. Man drückt in seinen Liedern einfach Dinge aus, schmeißt sie in den Wind – und dann sind sie weg.

Worum geht es im Lied „She Makes President“?
Das Lied habe ich während der Präsidentschaftswahlen 2016 geschrieben, nachdem ich gehört hatte, dass Frauen die Wahl entscheiden würden. Die Moderatorin hat das so formuliert: „She will make the president.“ Ich mochte diesen Satz einfach und wollte damit ein Lied über die moderne, unabhängige Frau schreiben. Das Lied hat sich zuerst schnell und fröhlich angehört.

„She Makes President“: Trump hat es trotzdem geschafft

Dann kam das Wahlergebnis.
Ich wollte die Idee des Liedes aber nicht aufgeben und habe es dann eher bedrohlich klingen lassen. Trump hat es irgendwie geschafft, die Leute davon zu überzeugen, dass er sie trotz allem Schwachsinn beschützen würde. Ich glaube, diesen Handel „Schutz gegen Gehorsamkeit“ wollen immer noch viele Leute eingehen.

Denkst du, dass der Trend noch mal in eine andere Richtung gehen wird?
Ich glaube, dass es in unserer Geschichte immer wieder so etwas wie Betriebsunfälle gibt. Aber besonders deine Generation wird nicht mehr bereit sein, diesen Handel einzugehen.

Du hast den Echo-Ethikbeirat wegen des Preises für Kollegah und Farid Bang stark kritisiert. Was kam eigentlich als Antwort?
Das ist lustig, dass du das fragst, denn ich habe tatsächlich von keinem eine Antwort erhalten. Sie haben die Eier, denen diesen Preis zu verleihen, aber auf eine E-Mail zu antworten, ist dann zu riskant.

Warum hast du diese Mail überhaupt geschrieben?
Ich musste einfach den Mund aufmachen. Es haben aber auch viele Leute mit viel mehr Einfluss reagiert, zum Beispiel Helene Fischer.

Seit einiger Zeit lebst du nicht mehr in der Schweiz. Was gefällt dir an Berlin?
Ich liebe an Berlin, dass es hier nicht so schlimm ist, wenn mal etwas nicht ganz funktioniert – ganz im Gegenteil zu anderen europäischen Hauptstädten, bei denen es
 eher darum geht, alles immer schneller, immer stärker, immer perfekter zu machen. Berlin ist durch seine Geschichte noch etwas gebrochen, man weiß nicht so richtig, wer oder was Berlin ist, es hat noch kein klares Gesicht.

 

Interview: Helene Harnisch, 15 Jahre

Beitragsbild: Marikel Lahana