Ohne Humor wird’s ja auch nicht besser, sagt Chefket beim Interview in Kreuzberg.

Nach einem Künstlernamen musste Chefket nie suchen. Den haben ihm die Leute in seiner Heimatstadt Heidenheim auf dem Silbertablett serviert – wann immer sie versuchten, seinen Namen richtig auszusprechen: Şevket Dirican. Der Sohn türkischer Einwanderer ist trotzdem positiv geblieben, wie sein neues Album „Alles Liebe (Nach dem Ende des Kampfes)“ zeigt.

Von Viola Blomberg, 25 Jahre

Off topic, aber bei der Hitze müssen wir darüber sprechen: Wie kühlst du dich ab?
Für den Videodreh zu meinem Song „Sowieso“ haben wir 25 Ventilatoren gekauft, um den Kampf gegen Windmühlen darzustellen. Und inzwischen habe ich die alle in meiner Wohnung aufgestellt. Auch gut: Die Badewanne mit kaltem Wasser vollmachen. Wenn man gerade nicht an den See kann, springt man schnell in die Wanne. Danach am besten vor die Ventilatoren stellen.

Deine neue Platte trägt im Titel den Zusatz „Nach dem Ende des Kampfes“. War der Weg zu deinem dritten Album ein Kampf?
Ja. Leider ist es bei vielen Künstlern so, dass man sie erst nach dem Erscheinen mehrerer Alben ernst nimmt.

Trotzdem ist es grundpositiv.
Ich saß die letzten drei Jahre an diesem Album und hatte keine Kontrolle, in welche Richtung das gehen würde. Jetzt haben sich eben diese 13 Songs herauskristallisiert, die besonders die Liebe und das Zwischenmenschliche thematisieren.

Verbittern wegen Rassismus? „Es hört ja auch nicht auf zu regnen, wenn man meckert.“

ChefketDu greifst aber auch immer wieder das Thema Rassismus auf, beispielsweise im Song „Fremd“: Im Intro erzählt ein Taxifahrer in gebrochenem Deutsch von französischen Jugendlichen mit arabischen Wurzeln, die sich in Frankreich nicht zu Hause fühlen. Geht es dir auch so?
Das Intro habe ich während einer Taxifahrt in Zürich aufgenommen. Der Taxifahrer wusste erst gar nichts davon. Später habe ich natürlich gefragt, ob ich das auf meinem Album verwenden kann. Denn diese Identitätskrise, dass man nicht genau weiß, wo man hingehört, hatte ich auch. Man spricht zu Hause die eine Sprache, in meinem Fall Türkisch, und draußen eben eine andere. Man bekommt von zu Hause eine Bedienungsanleitung mit auf den Weg gegeben, doch die funktioniert nicht für das Leben draußen. Der Song steht aber nicht nur für mich. Es könnte auch um Flüchtlinge gehen oder um Amerikaner, die hier in Deutschland leben.

Im Netz kursiert derzeit der passende Hashtag: #MeTwo steht dafür, dass man nicht nur eine Identität hat.
Es ist so, als ob man zwei hat, und dann kommt jemand und sagt: „Ein Euro ist aber besser.“ Dass man sich verschiedenen Kulturen verbunden fühlt, ist doch was Schönes. In Deutschland wachsen wir doch eh schon mit amerikanischen Serien und amerikanischer Musik auf. Es ist cool, dass man durch #MeTwo die Möglichkeit hat, zu lesen, wie es anderen ergeht, und bestimmten Themen gegenüber ein bisschen sensibler wird. Meiner Meinung nach darf aber der Humor bei der ganzen Sache nicht verloren gehen. Humor und Liebe – das ist alles, was wir haben. Es hört ja auch nicht auf zu regnen, wenn man meckert.

Welche Erfahrungen hast du mit rassistischen Tendenzen gemacht?
Wenn ich außerhalb von Berlin und nicht gerade mit der Musik unterwegs bin, dann spüre ich immer wieder, dass ich fremd bin. Die Leute fangen an, ganz laut und so simpel wie möglich mit dir zu sprechen, weil sie denken, dass du sonst nichts verstehst. Mir ist es auch schon passiert, dass ich in der 1. Klasse des ICE saß und mir jemand gesagt hat, dass die 2. Klasse doch woanders sei. Ich habe aber akzeptiert, dass ich für andere fremd bin. Trotzdem hoffe ich, dass sich das alles in den nächsten 20 bis 30 Jahren ändern wird. Wir werden uns bis dahin hoffentlich alle noch mehr vermischen.

„In Berlin gibt es wenig Menschen, die einem in den Arsch kriechen. Das ist sehr wichtig.“

Du kommst eigentlich aus der baden-württembergischen Stadt Heidenheim an der Brenz. Wann bist du nach Berlin gekommen und was hat das mit dir gemacht?
Ich bin vor 14 Jahren hierhergekommen und Berlin hat mich wachsen lassen. Ich habe hier gemerkt, dass es nicht darum geht, was ich habe, sondern was ich bin. In Berlin bleibt man auch ziemlich auf dem Boden. Die Leute sind ehrlich und es gibt wenig Menschen, die einem in den Arsch kriechen. Und das ist sehr wichtig für mich. (Was wir an Berlin lieben, steht übrigens hier. Die Red.)

Dann lobst du dich zum Abschluss mal besser selbst: Warum sollten sich die Leute auf deine Platte freuen?
Meine Platte ist sehr, sehr gut geworden. Das Beste, was ich bisher gemacht habe. Es ist auch mein persönlichstes Album bis jetzt. Ich wachse immer weiter.

 

Die Rezension der neuen Chefket-Platte lest ihr kommende Woche auf Spreewild.

Beitragsbilder: Roman Goebel