Der Klassik sei Dank: Benjamin Zander arbeitet am liebsten mit Jugendlichen. Im Interview erklärt er, warum klassische Musik auch junge Menschen fasziniert.

Von Kathrin Keller, 26 Jahre

Es dauert keine zwei Minuten, da hat Benjamin Zander einen bereits in seinen Bann gezogen. Der 79-jährige Engländer ist voller Energie, ein Dirigent aus Leidenschaft. Seit knapp vierzig Jahren leitet er das Boston Philharmonic Orchestra, 2012 gründete er das dazugehörige Jugendorchester, mit dem er vergangene Woche in Berlin zu Gast war. Wir haben die Gelegenheit genutzt, ihn vor dem Konzert zu interviewen.

Die meisten von uns hören Pop, Rock oder Hip-Hop. Glauben Sie ernsthaft, dass klassische Musik etwas für junge Menschen ist?
Natürlich! Alle lieben klassische Musik – die meisten müssen es halt erst noch herausfinden. (lacht) Nichts gegen Popmusik, das ist in Ordnung, aber klassische Musik ist so viel reichhaltiger, ergiebiger und mitreißender. Diese Musik spricht mit der Seele, mit dem Herzen und gibt vollständige Einblicke in das Innerste der Menschheit. Gerade im jugendlichen Alter trifft klassische Musik mitten ins Herz.

Dirigent Benjamin Zander

Benjamin Zander

Seit sechs Jahren leiten Sie das Boston Philharmonic Youth Orchestra, gehen mit 120 Teenagern auf Tournee und verbringen viel gemeinsame Zeit. Was fasziniert Sie so an der Arbeit mit Jugendlichen?
Tatsächlich macht es unglaublich viel Spaß, jungen Menschen beim Musizieren zuzuschauen. Sie spielen mit solch einer Leidenschaft und Intensität. Warum? Weil sie davor noch nie vor einem so großen Publikum gespielt haben. Das ist wie die erste große Liebe – das ist einmalig.

Und wird die Liebe auch erwidert?
Oh ja! Jedes Mal, wenn wir in der Boston Symphony Hall spielen, ist das Konzerthaus komplett voll – übrigens meist mit vielen jungen Leuten. Ich finde es aber noch immer erstaunlich, dass Musik, die vor 100 Jahren komponiert wurde, so gut bei diesen jungen Menschen ankommt. Für meine Schülerinnen und Schüler ist es „ihre“ Musik.

Es gibt einen TED Talk, der fast zehn Millionen Mal geklickt wurde. Darin sagen Sie, dass drei Prozent der Bevölkerung klassische Musik mögen. Wären es nur vier Prozent, sagen Sie, dann hätte die Welt keine Probleme mehr. Wie kommen Sie darauf?
Klassische Musik schafft es, Menschen freundlicher und offenherziger zu stimmen. Und ganz einfach: Wenn man freundlich ist, dann wird man nicht aggressiv. Das bedeutet aber nicht, dass sich alle Künstler aus der klassischen Musik ausschließlich gut und anständig verhalten. Aber ich bin davon überzeugt, dass wenn klassische Musik eine größere Rolle in unserem Leben spielen würde, das eine ziemlich positive Auswirkung auf die Menschen hätte.

Welches Stück würden Sie uns für den Einstieg in die klassische Musik empfehlen?
Natürlich George Butterworths „The Banks of Green Willow“, Maurice Ravels „La Valse“ und Gustav Mahlers 9. Sinfonie. (Diese Stücke hat das Orchester beim Pre-Opening des internationalen Klassikfestivals Young Euro Classic gespielt. – Anm. der Red.)

Eine letzte Frage haben wir noch: Sie sind nun 79 Jahre alt und musikalisch immer noch kaum zu stoppen. Woher nehmen Sie diese Energie?
Wissen Sie, Sir Simon Rattle hat mal gesagt, ich sei „the world’s oldest teenager“. (lacht) Ich sehe das Leben als Weg verschiedener Möglichkeiten. Das gibt mir Energie. Ich bin immer noch sehr enthusiastisch, liebe mein Leben und liebe auch die Menschen, die mich umgeben. Das möchte ich mit so vielen Menschen wie möglich teilen. Wenn die Augen der Menschen zu leuchten beginnen, dann weiß ich, dass es funktioniert.

Beitragsbild: Paul Marotta