In ihrem Buch geht Antonia C. Wesseling den Ursachen der Magersucht auf den Grund.
Interview

„Wie viel wiegt mein Leben“: Endlich ein Buch über Magersucht, bei dem es nicht nur ums Gewicht geht

Es wurden bereits einige Bücher über Magersucht geschrieben. „Wie viel wiegt mein Leben“ von Antonia C. Wesseling hebt sich ab. Statt nur über den Alltag als Magersüchtige zu schreiben, geht sie der Frage nach, was die Krankheit ausgelöst hat. Denn ums Dünnsein alleine gehe es keinesfalls. Die Probleme liegen viel tiefer.

Von Laura Wilks

Zum Interviewtermin werde ich von einer aufgeschlossen jungen Frau begrüßt, deren Gemüt diesem warmen Sonnentag gleicht. Dabei hat Antonia eine Geschichte, die mit Heiterkeit wenig zu tun. Die 21-jährige Kölnerin ist magersüchtig. Im Alter von 14 Jahren stellte sie von heute auf morgen das Essen ein. Nun hat sie ein Buch über ihre Krankheit geschrieben. Damit ist sie keinesfalls die erste. Es gibt zahlreiche Bücher zum Thema. Doch „Wie viel wiegt mein Leben?“ ist anders. Antonia plädiert darin für Authentizität und „echte Ratschläge“. Die Krankheit werde oft falsch verstanden. Es gehe nicht ums Dünnsein. Die Ursachen liegen tiefer.

Antonia, du wirkst auf den ersten Eindruck wie eine offene und selbstsichere Person. Ist dem wirklich so?
Ich bin auf jeden Fall eine extrovertierte Person. Ich rede viel und gern. Mein Herz liegt auf meiner Zunge. Zudem liebe ich Tiere und bin oftmals tollpatschig. Jedoch passt sich der Grad meiner Offenheit der Situation an. Sobald ich mich unwohl fühle, ziehe ich mich zurück.

Mit 14 Jahren begann dein Kampf gegen die Krankheit Magersucht. Du hast den Weg aus der Sucht geschafft, auch wenn dieser mit viel Schmerz und Tränen verbunden war. Nun veröffentlichst du ein Buch über deine Erfahrungen. Welche Intention steckt dahinter?
Der Fokus bei Büchern über diese Krankheit wurde für mich immer falsch platziert. Autoren konzentrierten sich auf den Alltag als Magersüchtige. Zahlen, Maßangaben und der Klinikalltag spielten die primäre Rolle. So werden Betroffene eher angestachelt. In meinem Buch setzte ich einen Fokus auf den Aufbau eines positiven, realitätsgetreuen Selbstbildes. Durch Achtsamkeit und Ratschläge zeige ich wie man wieder lernen kann, Gefühle zuzulassen. So sollen Betroffene einen Ausweg aus ihrer Isolation finden. Um glücklich mit sich und ihrer zu Realität werden.

Der Verzicht auf Nahrung ist eine Schutzstrategie, mit der sich der Betroffene betäubt, um so nicht mit seinen Problemen konfrontiert werden zu müssen.

Autorin Antonia über die Magersucht

2014 hattest du mit 15 Jahren deinen ersten Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik, kurze Zeit später folgte ein weiterer. Waren diese Aufenthalte heilsam? Gab es dort diesen einen Wendepunkt, der in dir Lebenshunger weckte?
Einen spezifischen Wendepunkt zu haben ist eher märchenhaft. Es rattern eher immer wieder Klick-Momente, in denen man sich denkt: Das will ich nicht mehr. Man entwächst prozesshaft seiner eigenen kleinen Blase. Ich kann nicht sagen, ob die Aufenthalte heilsam waren. Den zweiten hätte ich mir wahrscheinlich sparen können. Jedoch gibt es für mich kein: „Was wäre, wenn ich nicht eingewiesen worden wäre.“ Ich wäre später eingewiesen worden.

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Du plädierst in deinem Buch dafür, dass die Gesellschaft „Über den Tellerrand schaut“ in Bezug auf Magersucht. Wie ist das zu verstehen?
Eine psychische Krankheit ist immer nur die Art und Weise, wie man die Ursache die sich hinter der Symptomatik verbirgt, zeigt. Das Essen ist ein Symptom, nicht Ursache. Die Probleme der Erkrankung sind tieferliegend. Der Verzicht auf Nahrung ist eine Schutzstrategie, mit der sich der Betroffene betäubt, um so nicht mit seinen Problemen konfrontiert werden zu müssen.

Was war bei dir die Ursache hinter der Symptomatik?
Es war ein Zusammenspiel. Hinter meiner Magersucht verbarg sich eine Depression, welche lange unerkannt blieb. Risikofaktoren können zum Beispiel die Genetik, das soziale Umfeld, aber auch ein verzerrtes Selbstbild sein. Ich dachte unter anderem, es fehle mir an Disziplin, da ich mich stark an meinem Vater orientiert habe, welcher sehr ehrgeizig war. Ich verinnerlichte negative Glaubenssätze wie „Ich muss stark und ehrgeizig sein“, „Ich darf keine Fehler machen“ und „Ich werde nicht gesehen“. Als Kind adaptiert man viel von seinen Eltern. Vor allen Dingen, wie man mit Gefühlen umgeht. Heute überlagere ich diese negativen mit positiven Glaubenssätzen. Einer ist: Es gibt kein Richtig und kein Falsch. Wir sind hier nicht in Mathe.

Antonia über die Ursache ihrer Magersucht: „Hinter meiner Magersucht verbarg sich eine Depression, welche lange unerkannt blieb.“ © Privat

Du schneidest das Thema sexuelle Gewalt in deinem Buch an. Sexuelle Übergriffe hast du am eigenen Leib erlebt. Haben diese Vorfälle deine Krankheit vorangetrieben?
Die Vorfälle geschahen während meiner Krankheit. Die Übergriffe waren eher Konsequenz als Ursache. Ich hatte nie gelernt für mich und meine Bedürfnisse einzustehen. So fühlte ich mich wehr- und kraftlos in diesen Situationen. Ich habe nicht mit Worten, sondern Gesten „Nein“ gesagt. Mein Gegenüber deutete dies als „Vielleicht“. Man muss verstehen: Ein Vielleicht ist auch ein Nein.

Waren die Loslösung vom Elternhaus und das Zulassen von Liebe in Form einer Partnerschaft bedeutende Schritte in Richtung Genesung für dich?
Der Auszug und der Beginn meines Studiums 2018 haben mir allgemein sehr geholfen. Meine Eltern und ich haben ein sehr gutes Verhältnis. Doch wollte ich mein eigenes Leben haben und mich frei fühlen. Ich fragte mich: Wo komme ich an, wenn ich wirklich auf mich sehe? Meinen Freund lernte ich kennen, als es mir bereits psychisch deutlich besser ging. Liebe ist für mich wie ein Magnet: Wenn man selbst nicht strahlt, kann man auch niemanden anziehen. Seit knapp zwei Jahren sind wir nun zusammen. Er trägt sehr zu meinem allgemeinen Glück bei.

Die Autorin heute. Ihr erstes Buch veröffentlichte Antonia bereits im Alter von 15 Jahren. © Privat

Dieses Buch ist ja nicht dein erstes, dein erstes – „Die Schablone“ – hast du mit 15 Jahren veröffentlicht. Wie kam es dazu?
Zu dieser Zeit ging es mir nicht sehr gut. Ich lag abends im Bett und hatte das Gefühl, niemand will mich lesen. Ich ersticke in meinen Papieren. Daraufhin sendete ich einen Hilferuf via „Facebook“ und wurde Teil der „Fantasygirls“, einer Gruppe von Jungautoren, die fiktive Geschichten verfassten. Ein Lektor wurde auf meine Geschichten aufmerksam, der Unterstützer der „Fantasygirls“ und begleitete mich fortan bei dem Prozess. So kam es zu den ersten beiden Veröffentlichungen. 2017 wechselte ich dann das Lektorat.

Hat die „Sucht des Schreibens“ die der Magersucht abgelöst?
Nein, ich schrieb auch während meiner Krankheit. Es war eher so, dass die Magersucht die Kreativität abschwächte.

Durch deine Worte bewegst du den Leser und lässt ihn, vor allem in deinen fiktiven Werken, seiner Realität entfliehen. Darüber hinaus teilst du Buch- und Lebenstipps auf deinem YouTube- und Instagram-Channel „tonipure“. Geht mit öffentlicher Präsenz nicht auch jede Menge Druck, gerade in Bezug auf dein Aussehen, einher?
Ich plädiere für mehr Authentizität auf meinen Channels. Mir ist es egal, wenn ich im Schlafanzug vor der Kamera sitze. Das Aussehen spielt einfach keine bedeutende Rolle mehr in meinem Leben. Fokus meiner Channel sind Buchtipps. Solange ich mich mit mir wohlfühle, ist alles gut. Kommentare bezogen auf mein Aussehen kommen meist nur von Followern, die selbst essgestört sind. Wenn man an einer Essstörung erkrankt sucht man beinahe nach solchen Problemen.

Wenn du jungen Frauen und Männern einen Ratschlag in Bezug auf Selbstliebe geben könntest, welcher wäre das?
Ich denke, es ist gut sich Säulen im Leben aufzubauen. Diese Säulen dienen als geistige Stütze um gewappnet zu sein, falls Herausforderungen rufen. Positive Glaubenssätze wie „Ich darf Fehler machen“ oder „Ich bin genug“ und Anerkennung fungieren als Säulen. Falls eine Stütze wegfällt, hat man immer noch genug, die das Leben stabilisieren.

Wie geht es dir heute? Hast du Angst vor Rückfällen?
Angst vor Rückschlägen in Bezug auf meine Essstörung habe ich gar nicht. Letztens habe ich gesagt: Wenn ich weiß, ich bin schon mal in eine Sackgasse gelaufen, gehe ich den Weg nicht nochmal. Denn dort führt der Weg nicht zum Glück. Klar gibt es auch mal schlechte Tage, an denen ich zweifle. Der springende Punkt ist: Diese Zweifel dürfen nie Überhand gewinnen.

„Wie viel wiegt mein Leben“ ist bei Eden Books erschienen. Mehr Infos zur Autorin findet ihr auf ihrer persönlichen Website.

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