Ist das Brecht? Nein, Ruta!

Mit Lyrik Geld verdienen? Da sind selbst die Finalisten von lyrix, dem Bundeswettbewerb für Nachwuchslyriker, skeptisch. Vom Leben als Poet.

„In Moskau ist es kalt / sie haben den Kragen hochgeklappt / und sich ein Visier aus eisernen Tränen gebaut.“

Ruta Dreyer

Ist das Brecht? Christa Wolf? Vielleicht wird man in Zukunft erkennen: ein klassischer Ruta Dreyer. Ruta kommt aus Hannover, und mit ihrem Gedicht „erblinden“ zählte sie zu den Gewinnern von lyrix, dem Bundeswettbewerb für Nachwuchslyriker. Die 16-Jährige ist in diesem Jahr schon das zweite Mal dabei und weiß: „Lyrix ist weniger als Wettbewerb zu verstehen, sondern eher eine Plattform. Bei mir zu Hause gibt es wenige mit der gleichen Lust zu schreiben, hier findest du Gleichgesinnte.“

Jeden Monat gibt es ein neues Thema, von allen eingeschickten Gedichten werden sechs Monatsgewinner und von diesen zwölf Jahresgewinner gekürt, die gemeinsam auf Reisen nach Berlin gehen. Beim Poesiefestival Berlin wurden sie ausgezeichnet und durften zu Schreibwerkstätten und Sprachtrainings.

Zum Abschluss der Fahrt fand eine Lesung ehemaliger lyrix-Teilnehmer in der Bar „Alter Roter Löwe Rein“ in Neukölln statt. Unter ihnen gestandene Autoren mit zahlreichen Publikationen und endlos wirkender Wikipedia-Vita, die ihre Mordgedichte, Liebeserklärungen zu guten Beats und Zeilen über ausgestorbene Vogelarten präsentierten. Doch statt lediglich die neusten Werke vorzustellen, ging es auch um das Lyrikersein an sich.

Autor zu sein ist nicht leicht

Denn wie wird man überhaupt Lyriker? Wie kommt man aus dem Schlamassel wieder raus? Und nervt dich Lyrik auch manchmal? Mikael Vogel berichtete von seinem 19-jährigen Ich, das in Seattle Musiker werden wollte und sich nach den ersten Erfolgen entschied, nach Europa zurückzukehren und zu schreiben. Das hat sich bis heute nicht geändert: „Es ist wie eine Krankheit, ich muss schreiben. Und nach mehr als 25 Jahren kann ich auch davon leben.“ Ruta hat für sich längst ihre Antwort gefunden: „Sobald du schreibst und dabei authentisch bleibst, fabrizierst du Lyrik. Warum denken alle, nur Goethe hätte das gekonnt und dass Gedichte mit Endreim langweilig sein müssten?“

Den wenigsten erscheint Lyrik als vielversprechende Einnahmequelle. Die alten Hasen können das nur bestätigen und erzählen von ihren vielen Stipendien, den Reisen ans Ende der Welt, wenn es dafür endlich einen Auftrag gibt, und vom Babysitten, um die Miete zahlen zu können. Nur für „Berlin Tag und Nacht“ Drehbücher schreiben, das ginge zu weit. Die zwölf lyrix-Gewinner hören gespannt zu und wollen ihre Karrieren eben nicht nur auf Gedichten aufbauen. „Einige von uns studieren Psychologie oder Wirtschaft, mich interessiert Politik mindestens genauso wie das Schreiben“, erklärt Ruta. Ob Lyrik einmal wieder cool sein könnte? „Das ist schwierig, die meisten kennen nur Poetryslam, der eher nach außen von Julia Engelmann geprägt wurde. Und die mag ich nicht sonderlich.“

Kategorien Kultur Literatur

Statt Netflix verfolge ich Konzerte. Ich (20 Jahre) brauche keine Sojamilch, sondern guten Kaffee. Mein Yoga ist es, auf viel zu vielen Hochzeiten gleichzeitig zu tanzen. Dabei ist der Eisbär mein Patronus, den meine Eltern mir mit sieben Jahren einfach nicht als Haustier erlaubten. Aber wenn eine Idee von der Außenwelt für verrückt erklärt wird, dann muss sie erst recht verwirklicht werden, und eben jene Personen mit Mut und außergewöhnlichen Gedanken sind es, von denen die Welt wissen sollte. Was kann ich da sinnvolleres tun, als für Spreewild zu schreiben? Die Verhandlungen um den Eisbären laufen jedenfalls weiter.