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Jeder Schlag sitzt-dank Zeina Nassar dürfen Frauen mittlerweile offiziell mit Kopftuch kämpfen

Zeina hat den Weg freigeboxt

Dank Zeina Nassar dürfen Boxerinnen auch auf internationaler Ebene mit Kopftuch antreten. Jetzt will sie zu Olympia.

Sie stieg als erste Frau in Deutschland mit Kopftuch in den Boxring, wurde fünffache Berliner Meisterin und schließlich deutsche Meisterin im Federgewicht. Nichts davon kam ihr zugeflogen. Zeina Nassars Weg zum Erfolg beginnt im Alter von 13 Jahren – bei einem Probetraining. „Ich bin in eine Sporthalle gekommen, in der nur Frauen trainiert haben. Sie haben Liegestütze und Klimmzüge gemacht, sind Seil gesprungen und haben geboxt“, erzählt sie. „Diese Stärke und das Training haben mich so beeindruckt, dass mir klar war, wenn die das können, kann ich das auch. Seit diesem Tag wollte ich boxen.“

Sport war der gebürtigen Berlinerin schon immer wichtig. Dass sie jemals aufgrund ihres Aussehens oder ihrer Religion auf  Vorurteile stoßen wird, kann sie sich im Jahr 2013 noch nicht vorstellen. Auch heute ist sie überzeugt: „Letztendlich ist es doch egal, welche Religion ich ausübe, wie ich aussehe oder welche Sprache ich spreche. Im Boxen geht es um die Leistung.“ Ihren ersten offiziellen Wettkampf kann sie nicht antreten. Die Wettkampfbestimmung verbietet der gläubigen Muslima noch, mit Kopfbedeckung und langer Kleidung zu boxen.

Der Verband erlaubte das Kopftuch zunächst nicht

„Ich wurde oft gefragt, warum ich denn das Kopftuch nicht einfach abnehmen würde. Aber warum sollte ich das denn abnehmen? Es spricht nichts dagegen, dass ich mit Kopftuch an Boxkämpfen teilnehme“, findet sie. Zeina und ihre Trainer wollen den Ausschluss von den offiziellen Kämpfen nicht akzeptieren, sie engagieren sich für eine Regeländerung – monatelang: Der Deutsche Boxsport-Verband solle seine Kleiderordnung anpassen. Und der tut es. Das Medienecho bleibt dennoch ziemlich überschaubar.

Die Boxerin darf nun mit Hijab, wie das muslimische Kopftuch im Arabischen heißt, Longsleeve und Leggings ihr sportliches Können unter Beweis stellen. Ihren ersten Kampf verliert sie. Doch sie lernt, dass es im Sport nicht nur um das Gewinnen geht. Sie trainiert fokussierter. „In einem Wettkampf geht es um mentale Stärke und Taktik“, erklärt Zeina. „Ich versuche, meine Gegnerin in einem Kampf kennenzulernen, ihre Stärken und Schwächen zu erkennen und dann mit einer guten Taktik den Kampf zu steuern. Ich muss meine Gegnerin und auch mich selbst respektieren. Das ist spannend und macht Spaß.“

Und mit ihrer Taktik, ihrem Können und ihrem Ehrgeiz wird sie fünf Jahre nach ihrem ersten Amateurkampf deutsche Boxmeisterin 2018. Ein Titel, der ihr Aufmerksamkeit verschafft, und so nominiert sie der Deutsche Boxsport-Verband für die Europameisterschaften. Doch Zeina wird – wieder – abgelehnt, da sie in internationalen Kämpfen nicht mit langen Sachen antreten darf. „Das war enttäuschend, aber für mich war nach wie vor klar, dass ich boxen möchte“, sagt sie. Und diesmal ärgern sich nicht nur die Boxerin und ihr Team, mittlerweile interessiert das auch die Öffentlichkeit.

„Ich habe gemerkt, dass man viel verändern kann – aber nur, wenn man dranbleibt.

Zeina Nassar, Boxerin

Und tatsächlich beschließt der Internationale Box-Verband AIBA im Februar 2019, dass Frauen künftig auch mit einem Hijab und langer Kleidung antreten dürfen. „Es ist offiziell: Alle Frauen auf der ganzen Welt dürfen an Boxkämpfen teilnehmen“, erklärt Zeina stolz. Die Entscheidung bringt Zeina diesmal international in die Medien.

Zeinas nächstes großes Ziel sind die Olympischen Spiele 2020 in Tokio. „Ich habe gemerkt, dass man viel verändern kann – aber nur, wenn man dranbleibt. Ich habe ab jetzt die gleichen Chancen wie alle anderen“, sagt sie. Das war überfällig: Dass die ungestörte Religionsausübung gewährleistet wird, steht schließlich schon seit nunmehr 70 Jahren im Grundgesetz. Ein Grund, warum sie als Botschafterin der Deutschlandstiftung Integration dafür wirbt. Nicht nur mit ihrem Gesicht, sondern auch mit ihrer Geschichte.

Kategorien Kultur

Ich bin einfach nur Alma, 19, Abiturientin und immer auf der Suche nach etwas Neuem. 
In der Jugendredaktion bin ich seit Dezember 2015, weil es für mich am spannendsten ist, die Welt aus möglich vielen Perspektiven zu betrachten und dann in Worte zu fassen.