Klartext
Vider Männer, die auf den Befehl von dem Kommandeur warten, exekutiert zu werden.
Die Szene, die vorab die Gemüter erhitzte: Rammstein am Galgen im Video zum Song „Deutschland“.

  • Rammstein-Deutschland-Screenshot: Universal Music

Hat Rammstein die Grenze überschritten?

Ein kleiner Ausschnitt aus dem neuen Song „Deutschland“ von Rammstein erregte Donnerstag die Gemüter. Auch nach Sichtung des ganzen Videos darf die Frage gestellt werden: Wie weit darf Kunst gehen?

Nein, sagt Aniko Schusterius, das ist eben skandalöse Kunst

Die Frage ob es geschmacklos ist die Rammsteinmitglieder für ein Musikvideo als KZ-Insassen zu verkleiden, lässt sich runterbrechen auf die Frage nach der Kunstfreiheit – Und die hat für mich kaum Grenzen. Es ist wichtig sich mit sensiblen Themen wie der Schoah auseinander zu setzten und das in Rammsteins-Fall mit aller Härte. In dieser Diskussion muss man beachten: Das Video zum Song „Deutschland“ macht in keiner Weise Witze über die jüdische Community und das grausame Schicksal der vielen tausenden KZ-Insassen. Es bildet lediglich künstlerisch ein Stück deutscher Geschichte ab. 

Zum Zeitpunkt der aufkommenden Entrüstung gegenüber Rammstein war das Video in seiner Gänze noch nicht veröffentlicht. Experten, Sprecher und jeder, der sich sonst dazu berufen fühlte, urteilte also über einen sekundenlangen Clip ohne den Ausschnitt in den Kontext des Gesamtwerkes zu setzten. In der Uni würde ich dafür eine schlechte Benotung bekommen. Denn die Aussage eines Werkes kann nicht durch einen winzigen Schnipsel beurteilt werden. Der Zuschauer sieht erst im gesamten Video wie sich der Holocaust als Teil der deutschen Geschichte einreiht in ein blutiges und brutales Video.

Rammstein ohne Skandal geht nicht

Hier empfiehlt es sich auch auf den Text zu achten, der weder rechtsradikal ist noch unüberlegte Reime aneinander kettet. Vielmehr hält die Band der Gesellschaft einen Spiegel vor. Dazu kommt, dass Rammstein einfach die Band-gewordene Provokation ist. Mit Blick auf die Bandgeschichte könnte man einfach sagen: Till Lindemann und seine Kollegen haben es wieder einmal geschafft, einen Skandal auszulösen.

Schon der Bandname spielt auf ein Flugschau-Unglück in den 80er Jahren an, bei dem auf der US-amerikanischen Air Base Ramstein, nähe Kaiserslautern, 70 Menschen starben. 2009 landete „Liebe ist für alle da“ auf dem Index, in Shows nimmt Frontmann Lindemann gern auch mal ein Bandmitglied anal – Provokation ist die Kunst Rammsteins. Und diese muss Grenzen überschreiten um Debatten wie diese auszulösen. Es empfiehlt sich eben – wie immer – nicht vorschnell zu urteilen. 

Ja, sagt Laura Patz, Holocaust geht definitiv zu weit

Die Band Rammstein hat ein neues Lied veröffentlicht. Zunächst hatte der Trailer, der die Sänger kontextlos als KZ-Häftlinge zeigt, für Empörung gesorgt. Nach Veröffentlichung des ganzen Musikvideos am Freitag war dann nur noch von ganz großer Kunst die Rede. Der nun bekannte Kontext ist ein Großteil deutscher Geschichte.

Hobby-Literaturwissenschaftler und Cineasten, die am Freitag über „Deutschland“ berichteten, lesen in Rammsteins Veröffentlichung begeistert Kritik an ihrem Heimatland. Auch ich verstehe jetzt die KZ-Szene als Teil eines Ganzen.

Was ich an „Deutschland“ nicht verstehe: Warum ist es notwendig, die ersten zwei Zeilen des Deutschlandlieds nur minimal abgewandelt zu reproduzieren? Inwiefern ist ein „Fotografieren verboten“-Schild neben den gehängten KZ-Häftlingen eine angemessene Art der Aufarbeitung? Und vor allem, wie kann man Millionen Ermordete als PR nutzen?

Holocaust ist ein No-Go

Das Allzweck-Argument „Kunstfreiheit“ macht es für die Rammstein-Laudatoren möglich. „Wer den Holocaust (…) als Marketing-Gag instrumentalisiert, der geht zu weit, egal in welchem Rahmen“, fand allerdings auch die ehemalige Präsidentin des Zentralrates der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch.

Ich unterstelle Rammstein keine Fliegenschiss-Mentalität und vermute, dass das Lied sogar als Distanzierung von deutschen Gräueltaten gemeint war. Immer wieder hat die Band Gerüchte um rechtsextreme Tendenzen ausdrücklich bedauert. Gerade deswegen sollte man Satire in diese Richtung lieber offenkundig linkeren und begabteren Künstlern wie K.I.Z. mit „Biergarten Eden“ oder Jan Böhmermann mit „Be Deutsch“ überlassen.

Für Menschen mit festem Magen ist hier der Auslöser der Debatte in voller Länge:

Kategorien Kultur Musik

Bei Spreewild berichten wir über Neues und Altes, Schönes und Schlimmes, Großes und Kleines – immer mit einer persönlichen Herangehensweise. Das ist Hobby und Herausforderung zugleich. Für mich ist es ein Privileg, Texte und somit meine Perspektive veröffentlichen zu dürfen. Darum möchte ich das so lange wie möglich tun. Zur Information, Inspiration und zum reinen Vergnügen.