Optisch nur als Gedenkstätte existent, in Herz und Kopf aber noch vorhanden: die Mauer
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30 Jahre Wiedervereinigung: Reißt endlich die Mauern in den Köpfen ein!

Auch Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung werden Ost und West noch aneinander gemessen. So bleibt eine emotionale Distanz, meint unsere Autorin.

 

Nachdem ich in Berlin wohne und arbeite, zwischenzeitlich in Göteborg studiert habe und oft nach Hamburg pendle, bin ich davon überzeugt, dass ein Mensch mehr als nur ein Zuhause haben kann. Dennoch ist es ein ganz besonderes Gefühl der Vertrautheit, wenn im Regionalexpress die Ansagen auf Polnisch wiederholt werden und neben den Bahnschienen die Oder auftaucht. Ja, ich komme aus Brandenburg. Aus Ost-Brandenburg.

Nicht nur bei Wahlen wird zwischen Ost und West unterschieden. Gerade zum Jahrestag der deutschen Einheit werden wieder vielerlei Vergleiche angestellt, meist mit dem Ergebnis: Der Osten hinkt hinterher. So wichtig es auch sein mag, Entwicklungsschwächen aufzuzeigen, so hinderlich ist es für die emotionale Wiedervereinigung.

Es herrscht noch immer der Gedanke „Wir gegen die anderen“ – und zwar auf beiden Seiten.

Ich bin 1996 geboren, eigentlich sollten Ost und West für mich nichts weiter sein als Himmelsrichtungen. So ist es aber nicht. Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass ich nun einmal aus Brandenburg komme, aber für mich war immer klar, dass „der Osten“ noch eine ganz andere Bedeutung hat. Als ich zum Studium nach Berlin und später für ein Praktikum nach Hamburg ging, lernte ich schnell, dass ich meinen vorherigen Wohnort am besten selbstironisch erwähne. Belächelnde Kommentare und Witze ernte ich sowieso. Angriff ist die beste Verteidigung. Und ich hatte unterbewusst häufig das Gefühl, mein Zuhause in Schutz nehmen zu müssen. Ja, es ist Brandenburg, aber es ist trotzdem schön.

Darin zeigt sich im Kleinen, was im Großen ein ganz entscheidendes Problem der deutschen Einheit ist: Es herrscht noch immer der Gedanke „Wir gegen die anderen“ – und zwar auf beiden Seiten. Die Mauern in den Köpfen sind noch da und durch die öffentliche Präsenz des wirtschaftlichen, materiellen Ungleichgewichts, bröckeln sie nur langsam. Natürlich muss die Politik diskutieren, warum auch nach fast 30 Jahren nicht alle Baustellen beseitigt sind. Es geht aber auch um das, was im Unterton mitschwingt. Die neuen Bundesländer erscheinen als Problemkinder, sie sind der kleine Bruder, der mit der Wiederauflage eines alten Schulprojekts durch die Prüfung geschleift werden soll.

Bei jeder Statistik, die Einkommen, Renten, Bildungsabschlüsse oder sonst etwas vergleicht, sieht sich der Leser auf einer Seite und meist gibt es eben eine bessere und eine schlechte. Das beeinflusst das Verständnis der eigenen Identität ungemein. Umso mehr, als dass unsere Eltern und Großeltern die Zeit des geteilten Landes miterlebt haben, es also nicht allzu weit weg ist. Wir, die nachfolgende Generation, haben es nun in der Hand, ob wir an diesem Denken festhalten wollen. Ich finde, wir sollten es nicht wollen.

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„Wenn Sie Journalistin werden wollen, sind Sie in diesem Studiengang falsch“, hörte ich im ersten Semester nicht nur einmal. Trotzdem habe ich mittlerweile, mit 22, meinen Abschluss – und arbeite stetig daran, den Zweiflern das Gegenteil zu beweisen. Denn das Schreiben lasse ich mir nicht mehr wegnehmen. Es ersetzt für mich rauschzustandsauslösende Substanzen, es ist mein Ventil, wenn die Gedanken zu laut schreien und kein Platz für ekstatisches Tanzen ist. Schreiben kann ich über all das, wonach niemand fragt, was im Gespräch niemand von mir wissen will. Am spannendsten ist aber, anderen Menschen zuzuhören und ihre Geschichte zu erzählen.

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