Alle großen Turniere, die ich erlebt habe, endeten für uns frühestens im Halbfinale. Jetzt ist das anders. Ich glaube, ich weiß warum.

Der Weltmeister ist ausgeschieden, in der Vorrunde. Ausgeschieden ganz ohne Fehlentscheidung oder Verletzungen, auf die wir es schieben könnten. Wir können nicht mal sagen, dass es das Glück war, das uns gefehlt hat, denn das Ausscheiden ist völlig gerechtfertigt. „Die Mannschaft“ war zu wenig Mannschaft.

Mit meinen 17 Jahren habe ich meine erste WM im Jahr 2006 erlebt. Bis Mittwochabend war mir nicht bewusst, dass der deutschen Nationalmannschaft kein Erfolg garantiert sein muss. Jede WM, jede EM endete für mich bis jetzt frühestens im Halbfinale. Mit dieser Einstellung bin ich auch an diese WM herangegangen, das Public Viewing (ja, unser Autor lässt sich das Fußballgucken auch nicht von WM-Boykottierern madig machen – die Red.)  für die Achtel- und Viertelfinals war schon geplant. Ich hatte vergessen, eigentlich nie gelernt, wie es ist, zu verlieren – und mit mir offenbar die Mannschaft und eine ganze Nation.

Der Fußball stand nicht im Mittelpunkt

Zwar zeichnete sich schon bei den ersten Testspielen vor der WM das Tief des DFB-Kaders ab, doch wir wollten es nicht wahrhaben. Dann der Erdogan-Skandal, die Nicht-Nominierung von Sané – viel zu wenig stand das Fußballerische im Mittelpunkt. Wir sind eben keine Fußballnation. Nach einem Zitter-Sieg gegen Schweden wähnte ich unser Team trotzdem schon sicher im Achtelfinale, ein Ausscheiden gegen Südkorea war für mich undenkbar. Dem Team fehlte jedoch die Leidenschaft. Als Zuschauer hatte man das Gefühl, dem Team war der Ernst der Lage nicht bewusst.

Auch Löw gab sich gelassen, vielleicht zu gelassen. Keine Eiergriffe, keine Veränderungen, nichts. Vertrag bis 2022 – aber bleibt er? Braucht es da nicht einen Trainer mit mehr Mut zur Innovation, frischen Ideen und mehr Leidenschaft nach so einer Enttäuschung?

Löw zu entspannt? Anders als 2016 ging diesmal jedenfalls nicht seine Hand in die Hose.  via GIPHY

Auch wenn unser Fußballfieber für einen Moment mit einer schmerzhaften Ibo 1 000 geheilt zu sein scheint, sitzen wir sicher in vier Jahren alle wieder vor dem Fernseher. Fiebern, feiern und fighten für unser Team. Ich hoffe sehr, dass wir in vier Jahren nicht „die Mannschaft“ anfeuern, sondern ein völlig neu erfundenes deutsches Team, das wieder Spaß am Fußball hat und für das es sich lohnt, sechs Wochen sein Leben aufzugeben und im richtigen Moment den Atem anzuhalten.

 

Beitragsbild (Ausschnitt): Marcello Casal Jr/Agência Brasil, CC BY 3.0 BR