…am Ende sitzt ihr ja doch selbst vorm Fernseher. Weil Fußball eben alle verbindet – Putin hin oder her.

Es ist mal wieder so weit: Was auf den ersten Blick wirkt wie eine AfD-Wahlparty, ist in Wahrheit deutsches Fußballfieber. Während der Fußballweltmeisterschaft mutiert Deutschland zum patriotischen Fußballmonster. Da gehört es plötzlich zum guten Ton, in pöbelnder Stimmlage „Deutschlaaand!“ schreiend durch die Straßen zu ziehen. Alleine wäre das ja langweilig, deshalb gibt es die Fanmeile, auf der man sich bei 2,6 Promille „Deutschlaaand!“ gegenseitig ins Gesicht schreien kann und lallend lautstark darüber diskutiert, „warum er denn jetze nicht Sané mitjenommen hat“. Das „Deutschland Starter-Kit“ von Aldi mit Fahne, Trommel und Schminke reicht längst nicht mehr. Ob Panini-Sticker oder Auto-Fahne – wir müssen das alles haben. Denn nur wer zeigt, dass er Fan ist, ist auch wirklich Fan.

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Ich warte derweil nur darauf,dass  der Erste oder die Erste mich aus meinem Fußballtraum aufweckt und über die „Political Correctness“ aufklären will. Ob ich denn nicht wisse, wie sehr die Menschen in Russland leiden und wie korrupt erst die FIFA sei. Mit jeder Minute Fußballgucken, werden sie sagen, würde ich doch Russland, ach Putin persönlich, unterstützen. Das ganze Geld könne stattdessen besser zu den Menschen fließen, die es wirklich brauchen. Und überhaupt gehe es im Fußball ja nur noch um Geld.

Ja, beim Fußball geht es um Geld, und ja, die FIFA ist korrupt. Aber…

Es tut mir leid, aber Fußball ist nun mal nicht „politically correct“ oder „sustainable“. Ja, beim Fußball geht es leider immer mehr um Geld, und ja, natürlich ist die FIFA korrupt. Aber wenn man das für einen Augenblick vergisst und sich auf das Fußballfieber einlässt, dann erlebt man all das, was den Fußball ausmacht. Denn Fußball bringt alle zusammen – egal, ob reich oder arm, links oder rechts, Jurist oder Putzkraft, ganz egal, welche Nationalität oder welches Geschlecht. Gerade die Fußballweltmeisterschaft zeigt doch, dass es am besten zusammen geht. Ein guter Spieler allein macht im Fußball keinen Weltmeister, ein Fan allein keine Stimmung. Und am Ende sind es diejenigen, die mich über „Political Correctness“ aufgeklärt haben, die mir meinen Platz in der ersten Reihe vor dem Fernseher wegnehmen.

 

Beitragsbild: Ingo Bartussek – Fotolia