Ich, aufgewachsen im bunten Multikulti Berlins, befreundet mit Menschen unterschiedlichster Herkunft und verliebt in das Kennenlernen fremder Kulturen, bin alles andere als rassistisch. Zumindest habe ich mir das bislang eingeredet.

Von Ria Lüth, 18 Jahre

Es ist Mittwoch, 7. Stunde, Biologie-Unterricht. Thema ist der Missbrauch der Darwin’schen Lehren für die Ideologie der Nazis. Aufklärerisch prangen in unserem Lehrbuch Statistiken zu der genetischen Ähnlichkeit verschiedenster Menschen. Vier Porträts sind darunter abgebildet. Drei Fotos zeigen Weiße und das vierte einen Schwarzen. „Deutscher. Deutsche. Franzose. Afrikaner.“ steht darunter. Erst merke ich den Fehler nicht. In der Schule habe ich schon immer viel hinterfragt, aber nur selten das scheinbar Objektive. Dann trifft es mich wie ein Schlag. Meine Selbsttäuschung zerbröckelt.

Ein paar Tage später beleidigt Trump Afrika als ein „Drecksloch“. Auch er scheint anzunehmen, Afrika sei ein Land. Wir lachen darüber, doch dezent subtil sind wir der Illusion alle aufgesessen.

Wenn ich früher an Afrika dachte, sah ich Bilder abgemagerter Menschen vor meinem inneren Auge, wie man sie von Unicef-Plakaten kennt. Dazu gesellten sich die Bilder aus dem Ethnologischen Museum: Menschen in Hütten, irgendwo in einer roten Savanne zwischen Elefanten und Löwen. Ein realistisches Bild zum Abgleich fehlte mir. Ein Bild des großen und bunten Afrikas. Ein Bild der verschiedensten Kulturen und Religionen, allen voran des Islams und des Christentums, der verschiedenen Hautfarben und mehr als 2 100 gesprochenen Sprachen und Idiome. Dass mein Bruder irgendwann an den sudanesischen Pyramiden einen besseren Internetempfang haben würde als ich auf meinem Sofa in Berlin, wagte ich nicht zu träumen.

Um eine komplexe Welt zu verstehen, wird sie reduziert. Dabei wird allen vermeintlich rückständigen Orten der Erde ihre Diversität abgesprochen. Die Schule wird hierfür unbewusst zum Instrument. So perfide, dass es fast nicht mehr auffällt. Wir sprechen von den Deutschen, den Franzosen, den Briten, den Amerikanern – und von den Asiaten, den Osteuropäern, den Lateinamerikanern, den Afrikanern.

Meine Hand bleibt an dem Tag im Bio-Unterricht unten. Am Ende fühle ich mich schuldig deswegen. Stigmatisierung fängt im Kleinen an und wir sollten uns trauen, die Klischees zu sprengen, andere Bilder der Welt zu zeichnen, und uns eingestehen, dass wir weniger verstehen, als wir glauben.