Screenshot: YouTube

Eine starke Goldene Himbeere für Frank Henkel

Die Berliner CDU hat ihr Wahlprogramm verfilmt. Rabea wünscht sich, die Partei hätte vorher einen Workshop für kreatives Drehbuchschreiben belegt.

Die CDU hat ihr Wahlprogramm verfilmt. 34 Minuten lang ist das YouTube-Video. Bewegte Bilder seien leichter zu konsumieren als ein 120-seitiges Wahlprogramm, so Frank Henkel, Innensenator Berlins, CDU-Vorsitzender und Hauptdarsteller des Streifens. Klingt einleuchtend – nach den 34 Minuten bin ich mir allerdings nicht mehr so sicher. „Die schönsten Bahnstrecken Deutschlands“, eine Sendung, die vor allem Menschen mit Schlafstörungen bekannt ist, hat gegen den Film das Potenzial zum Psychothriller.

Unter dauerhaftem Anapher-Hagel wirbt die CDU in mehreren Kapiteln für ein starkes Berlin, das aus starken Schulen, starker Sicherheit, starker Verkehrspolitik und noch mehr starken Dingen besteht. Künstlerisch sieht das Ganze so aus: Geht es um Wohnungsbau, wird uns eine Diashow von Häuserfassaden präsentiert. Dreht es sich um die Schließung des Stadtrings, wird eine Aufnahme des solchen bedeutungsschwanger rückwärts abgespielt. Und beim ­Thema Natur gibt’s die grüne Wiese in Detailaufnahme.

Andere Text-Bild-Relationen erschließen sich hingegen überhaupt nicht: Als die Off-Stimme den Kriminalitätsrückgang lobt, sehen wir zwischen Sträuchern einen gruselig grinsenden Mann im nächtlichen Park sitzen, der in einer Denkblase darüber sinniert, dass es weniger Gewalttaten gibt. Was möchte uns die Szene sagen? Ein anderes Kapitel widmet sich dem Wirtschaftswachstum. Zwei Gründer lassen sich mit ihren Laptops an der Mediaspree nieder, trinken Kaffee to go und unterhalten sich über ihre gut laufenden Start-ups. Zynische Ortswahl, ist doch die Privatisierung des Spreeufers ein Symbol für fehlgeleitete Stadtentwicklung.

Das Kapitel zur Integration wird plakativ mit pseudoorientalischen Klängen unterlegt, dazu Impressionen aus Neukölln. Die sanfte Stimme aus dem Off referiert fast durchgehend im staubtrockenen Bürokratendeutsch.

Dann plötzlich ein Ausreißer in Minute 23. Beim Neologismus „Multikultitraumtänzergleichgültigkeit“ (sic!) schrecke ich schockiert aus meiner Lethargie auf.

Der 50 000 Euro teure Film kommt derart unkreativ daher, dass es schmerzt. So sollen ernsthaft junge Wähler generiert werden? Das CDU-Kreativbüro hat sich offenbar nicht einen einzigen YouTube-Clip angeschaut, sonst hätte es erkannt, dass in der Kürze die Würze liegt. Warum nicht mal ein bisschen experimentierfreudiger, mutiger, spritziger? Der Streifen ist in etwa so aufregend wie eine Dauerwerbesendung über Heizdecken. Damit gewinnt die CDU statt Wählern höchstens die Goldene Himbeere.

Von Rabea Erradi, 27 Jahre

Kategorien Klartext Politik

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