Pressebild Von Wegen Lisbeth
Stress, Konzerte und kreischende Fans: Die Jungs von Von Wegen Lisbeth nehmen's gelassen.

Von Wegen Lisbeth: „Eine politische Message ist cool“

Vom zibb-Sommergarten auf die ganz große Bühne – für die Jungs von Von Wegen Lisbeth ging es in den letzten Jahren steil bergauf. Neben Spaß vermitteln sie aber auch eine wichtige Message.

Alltagsgeschichten zwischen Wortwitz und geklauten Kinderinstrumenten. Mit „Grande“ sicherten sie sich 2016 die Rolle des Ausreißers im Indie-Pop-Pamphlet. Seitdem geht es für die Jungs von Von Wegen Lisbeth steil bergauf. Spätestens seit der genauen Bandbetrachtung von dem Musikmagazin „diffus“ und Spotifys Anpreisen der neuen Platte „sweetlilly93@hotmail.com“ ist klar, dass die Jungs so schnell nicht mehr aus dem Indie-Universum vertrieben werden. Wir haben mit Matthias „Matze“ Rohde (Gesang, Gitarre), Julian Hölting (Bass) und Robert Tischer (Synthesizer) über alles, nur nicht das Studium gesprochen.

Vor elf Jahren habt ihr im Interview mit dem rbb erzählt, dass eure Texte vor allem von Mädchen und Politik handeln würden. Damals wart ihr noch als „Harry Hurtig“ unterwegs. Wie sieht das heute aus?

Matze: Ja, sieht man ja, da hat sich nichts verändert. Damals hat uns Julians Opa heimlich bei einem Wettbewerb im zibb-Sommergarten angemeldet, bei dem es als Hauptpreis eine Kreuzfahrt gab. Wir sind uns ziemlich sicher, dass wir nur deshalb nicht gewonnen haben, sondern ein Solo, weil sie die Reise nicht gleich fünf Personen spendieren wollten.

„Es wird sich einiges ändern. Der Döner ist jetzt ein Frisörsalon.“ „Da, wo tausend fette Kinder, schöne Grünkohl-Smoothie-Trinker meinen Weg zur Bahn behindern.“ – Kritisch seid ihr allemal noch.

Julian: Es ist cool, eine politische Message zu haben und sie indirekt in den Songs zu verpacken. Manchmal werden Zitate aber absolut aus dem Kontext gerissen und bei Instagram in Schönschrift gepostet, was gar nicht passt. Trotzdem irgendwie witzig.

Matze: Was uns vor allem beschäftigt hat, ist die Gentrifizierung. Das ist einfach eine große Sache, die unsere Stadt beeinflusst. Es können nicht überall nur hippe Viertel für Studenten entstehen. Verschiedene Generationen und diverse Kulturen für jedermann machen Berlin aus – keine reiche Elite.

Julian: Als das Thema in den Medien aufkam und die Leute auf die Straßen gingen, waren unsere Songs schon längst aufgenommen. Richtig merkt man es selbst erst, wenn es schon zu spät ist. Dabei hätte Berlin von anderen deutschen Städten so viel lernen können, um der Gentrifizierung entgegenzuwirken. Durch die Mauer hatten wir quasi einen richtigen Zeitpuffer.

Seid ihr selbst von der Verdrängung betroffen?

Robert: Kennst du das Syndikat? Das ist eine Kneipe in Neukölln, die es seit über 30 Jahren gibt und auch ein kleines kulturelles Zentrum für die linke Jugend ist. Früher waren wir dort gelegentlich. Jetzt werden die Betreiber auf die Straße gesetzt, weil britische Immobilienmogule die Häuser aufgekauft haben.

Julian: Oder einfach Freunde und Familie, die ihre Wohnungen verlieren. Altbekannte Läden, die auf einmal wechseln.

Robert: Die Rummelsburger Bucht ist auch ein Ding. Da soll jetzt eine Art Sealife 2.0 gebaut werden, nur in groß. Ich weiß ja nicht, wie oft ihr im Sealife seid, aber für mich ist das wieder eine reine Touri-Attraktion und nicht für das reale Berlin. An dem Ort würden eigentlich Schulen benötigt werden.

Wir haben einfach an unseren Songs gefeilt und standen ewig im Studio. Das habe ich echt genossen.

Julian, Bassist bei Von Wegen Lisbeth

Was hat sich denn seit dem letzten Album vor drei Jahren bei euch persönlich geändert?

Julian: Wir wurden letztens gefragt, welcher der meistgehörte Song im Tourbus ist. Tja, schwierig zu sagen, wir sind letztes Jahr nicht getourt. Wir haben einfach an unseren Songs gefeilt und standen ewig im Studio. Das habe ich echt genossen. Jetzt habe ich aber auch extrem Bock auf den Festivalsommer und unsere Shows im Herbst.

Robert: Das Gras ist eben immer auf der anderen Seite grüner.

Uns habt ihr mal erzählt, dass ihr auf Tour immer in Spaßbäder geht und euch so durch Deutschland wasserrutscht. Was ist aus dieser Tradition geworden?

Matze: Na, da sind wir immer noch dabei. Bei schlechtem Wetter steht das auf jeden Fall auf dem Plan! Was sich noch verändert hat, ist, dass wir jetzt einen Nightliner haben!

Julian: Oh ja, das ist so eine unfassbare Zeitersparnis, das glaubt einem keiner! Die beste Investition. Trotzdem mag ich die Tourbussong-Frage nicht. Ich hatte ja gehofft, dass wir mittlerweile nicht mehr die alten Kamellen über unsere Jugend und unsere Anfänge erzählen müssen.

Matze: Oder dass es heißt, wir seien eine Studentenband. Ganz schlimm.

Dann reden wir nicht über das Studium! Welche Themen wünscht ihr euch für unser nächstes Interview?

Julian: Ich würde richtig gern mal über Feminismus sprechen.

Matze: In einer Eckkneipe oder im Späti.

Robert: Und da essen wir dann Eis!

Kategorien Interview Musik

Statt Netflix verfolge ich Konzerte. Ich (20 Jahre) brauche keine Sojamilch, sondern guten Kaffee. Mein Yoga ist es, auf viel zu vielen Hochzeiten gleichzeitig zu tanzen. Dabei ist der Eisbär mein Patronus, den meine Eltern mir mit sieben Jahren einfach nicht als Haustier erlaubten. Aber wenn eine Idee von der Außenwelt für verrückt erklärt wird, dann muss sie erst recht verwirklicht werden, und eben jene Personen mit Mut und außergewöhnlichen Gedanken sind es, von denen die Welt wissen sollte. Was kann ich da sinnvolleres tun, als für Spreewild zu schreiben? Die Verhandlungen um den Eisbären laufen jedenfalls weiter.