Maximilian Mittelstädt will sich als Fußball-Profi bei Hertha BSC durchsetzen. Dabei lässt sich der 21-Jährige nicht stressen. Ein Interview.

Du bist jetzt seit rund zwei Jahren in der ersten Mannschaft von Hertha BSC. Siehst du dich damit bereits als gestandener Fußball-Profi?
Da gibt es in unserer Mannschafft noch ganz andere Kaliber, die auch schon viel länger dabei sind. Von daher bin ich immer noch einer der jungen Spieler, ich muss mich auch mal hinten anstellen und Geduld haben.

Wann hast du das erste Mal bemerkt, dass du es wirklich bis zum Profi schaffen könntest?
Eigentlich erst, als ich damals zu Hertha gewechselt bin. Da war am ehesten abzusehen, dass es eventuell nach oben gehen könnte.

Das wird dir doch schon in der Jugend mal jemand prophezeit haben.
Im Jugendbereich hätte es theoretisch jeder schaffen können. Da bin ich nicht wirklich rausgestochen, dort war ich einer unter vielen. Da spielt auch Glück eine große Rolle. Aber wenn man dann die Chance bekommt, muss man einfach dranbleiben und weiter Gas geben.

Welche Eigenschaften braucht man denn, um es bis nach oben zu schaffen?
Wichtig ist, auf vieles verzichten zu können. Man muss den Kopf immer auf das Wesentliche richten. Es gibt viele Jugendliche, die daran gescheitert sind, die nach links und nach rechts geguckt und sich auch für andere Dinge wie Partys oder Alkohol interessiert haben.

Was war der schlimmste Verzicht, den deine Karriere bislang gefordert hat?
So einen richtig schlimmen Verzicht gibt es eigentlich nicht, wenn du dafür deinen Traum leben kannst.

Druck? „Ich habe das als Chance wahrgenommen.“

Das muss ein immenser Druck gewesen sein am Anfang. Ich glaube, in deinem ersten Spiel ging’s direkt gegen Bayern.
Ja, mein erstes Spiel von Anfang an bei den Profis war gegen den FC Bayern. Ich habe das aber nicht wirklich als Drucksituation wahrgenommen, sondern eher als Chance. Was sollte schon passieren? Keiner hat von mir erwartet, dass ich die gesamte Bayern-Mannschaft auseinandernehme. Ich musste einfach nur normal gut funktionieren und mein Spiel spielen.

Wie hoch ist der mentale Druck, den man sich selber macht? Es kann ja auch schnell wieder alles vorbei sein.
Darüber mache ich mir gar keine Gedanken, ich schaue nur auf den nächsten Tag und was als nächstes kommt. Es ist ja eigentlich eher eine Freude, dass man hier sein darf. Das sollte man auch zu schätzen wissen und das nicht als Drucksituation wahrnehmen. Im Endeffekt bleibt es einfach ein Sport und eine Leidenschaft. Dieses Privileg sollte man einfach genießen.

Jetzt, wo du Erfolg hast: Inwiefern unterscheidet sich dein Freundeskreis von früher?
Nicht allzu sehr, ich bin immer noch mit meinen Jungs befreundet, die ich auch vor meiner Profikarriere hatte. Natürlich gibt es auch Leute, die auf einmal ankommen und irgendetwas wollen. Ich hoffe mal, dass ich zu unterscheiden weiß, wer ein wahrer Freund ist und wer nur davon profitieren will.

In solch einem jungen Alter ist so viel Geld natürlich eine Herausforderung. Wie händelst du das?
Ich versuche schon, mein Geld bestmöglich zur Seite zu legen. Meine Mama hat da auch ein Auge drauf, dass ich nicht alles rausballere. Man soll sich natürlich auch mal was gönnen, aber es sollte nicht zu viel werden. Ich denke, dass ich das ganz gut im Griff habe.

Wie sieht bei dir ein normaler Tag aus?
Ich stehe so um acht Uhr auf, manchmal noch zehn Minuten früher, weil ich dann noch mit meinem Hund rausgehen muss. Dann fahre ich um zehn Uhr zum Training, nach dem Training gibt es dann eine Regenerationsphase. Dann geht es auch schon nach Hause, noch was Gutes essen und dann auch schon wieder ins Bett.

Ganz normales Leben – mit Marktwert von 1,5 Millionen Euro

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Du hast einen geschätzten Marktwert von 1,5 Millionen Euro. Ist das eine Last?
Nee, eigentlich gar nicht. Jeder Spieler hat ja irgendwie einen Marktwert. Für mich sind das nur Zahlen, die überhaupt keine Rolle spielen. Es ist egal, ob man einen Marktwert von einer Million, gar keinen Marktwert oder von hundert Millionen hat. Das sieht man auch wenn wir gegen die Bayern spielen, die einen fünfmal so hohen Marktwert haben: Die letzten drei Spiele gegen uns haben sie trotzdem nicht gewonnen.

Ist ja immer eine schwierige Beziehung zwischen Hertha und Berlin. Wirst du hier auf der Straße erkannt und angesprochen?
Ja, das ist in letzter Zeit schon häufiger der Fall gewesen. Ich denke aber, dass das in anderen Städten noch viel extremer ist. Berlin ist halt eine große Stadt, die Leute haben viele Interessen, da schaut nicht jeder auf den Fußball. Ich denke, wenn man zum Beispiel bei Dortmund spielt, ist das anders. Wichtig ist, dass die Fans immer hinter uns stehen, vor allem in der Ostkurve.

Du hast diese Saison „nur“ neun Spiele in der Liga bestritten. Davon wurdest du viermal erst eingewechselt. Wie siehst du den Verlauf der Saison für dich persönlich?
Ich hatte Pech, dass ich gleich am Anfang der Saison mit einer Muskelverletzung draußen war. Dann musste ich mich erst mal wieder hinten anstellen, nach einer eigentlich guten Vorbereitung. Da ist halt der Lauf der Dinge. Als ich wieder einigermaßen fit war, musste ich mit einem Nasenbeinbruch zurückstecken. Danach hatte ich eine relativ gute Phase, zum Ende der Hinrunde hin habe ich viele Spiele gespielt. Beim letzten Spiel gegen Leipzig wurde ich wieder krank, da hätte ich wahrscheinlich auch einen Einsatz bekommen. In der Rückrunde kam jetzt auch nochmal zu einem ungünstigen Zeitpunkt eine Verletzung dazu, obwohl es ja keinen günstigen Zeitpunkt gibt. Ist halt ärgerlich, aber ich bin jetzt zum Glück wieder fit und schaue nach vorne.

„Erst mal bei Hertha durchsetzen – dann kann man ja weiter träumen.“

Siehst du deine Zukunft in Berlin?
Ja, ich denke schon. Ich fühle mich hier sehr wohl und ich habe bis jetzt nicht mit dem Gedanken gespielt, was anderes zu machen. Aber man weiß natürlich nie, was im Fußball passiert.

Welcher Verein ist dein Traumziel?
Ich habe eigentlich keinen Verein, wo ich sage, dass ich da mal unbedingt spielen muss. Natürlich sind Vereine wie Barcelona, Madrid, oder Bayern Top-Clubs, wo sich jeder Spieler wünscht, dort mal zu spielen. Ich versuche mich aber erst mal bei Hertha durchzusetzen und will hier meine Spielzeit bekommen. Dann kann man ja weiter träumen.

Dein direkter Konkurrent um die Linksverteidiger-Position bei Hertha BSC ist Nationalspieler Marvin Plattenhardt. An ihm vorbeizukommen ist beinahe unmöglich. In welchem Verhältnis steht ihr zueinander?
Wir verstehen uns sehr gut, ich versuche natürlich auch einiges von ihm zu lernen. Er ist Nationalspieler und für mich auch der beste Linksverteidiger in Deutschland. Da muss ich mich erst mal hinten anstellen. Ich versuche aber trotzdem Druck auf ihn auszuüben.

Ich habe gelesen, dass dein Idol Gabor Kiraly ist. Jetzt aber mal auf deine Position bezogen: Wer ist der beste Linksverteidiger aller Zeiten?
Ich bin ein Fan von Marcelo von Real Madrid. Er ist ein guter Spieler, für mich zurzeit der Beste auf dieser Position. Er ruft seine Leistung über mehrere Saisons konstant ab. Er ist immer mit hundert Prozent da, körperlich auch sehr stabil und besitzt eine sehr gute Technik. Von dem kann man sich auf jeden Fall noch einiges abschauen.

Würdest du deine Position ähnlich offensiv interpretieren, wie es zum Beispiel Marcelo macht?
Ja, ich bin auch eher ein offensiver Außenverteidiger, der viele Wege mit nach vorne geht. Der versucht, schnell hinter die „Kette“ zu flanken. Das sind auch meine Stärken, außen schnell im Lauf, die Bälle hinter die Kette jagen.

 

Beitragsbild: dpa picture alliance