Der junge Arzt Konstantin Hanke hat gerade seinen Einsatz in Bangladesch für Ärzte ohne Grenzen beendet. Wir haben ihn gefragt, wie er mit dem Leid* umgegangen ist und wie der Einsatz seinen Blick auf Deutschland verändert hat.

*Während Konstantins neunmonatigem Aufenthalt kam es zu dem brutalen Gewaltausbruch mit Massenflucht gegen die muslimische Minderheit der Rohingya aus Myanmar in das benachbarte Bangladesch.

Interview:  Antje Waldschmidt

Konstantin, ihr habt die lokale Bevölkerung und geflüchtete Rohingya in Bangladesch behandelt und wurdet dafür auch kritisiert. Warum?
Wir haben von lokalen Politikern und vom Gesundheitsministerium oft Gegenwind bekommen. Wir wurden immer wieder verdächtigt, nur den Rohingya zu helfen, die auch in Bangladesch keinen guten Ruf genießen. Das Land hat auch kein Interesse, diesen Menschen einen lebenswerten Ort zu schaffen. Bangladesch ist mit seiner eigenen Bevölkerung überfordert. Uns wurde vorgeworfen, dass wir ein sogenannter Pull-Faktor wären, weil wir hauptsächlich Rohingya behandelten. Sicherlich hat uns auch die lokale Bevölkerung als Rohingya-Helfer gesehen. Doch unsere Tür stand allen offen.

Dr. Konstantin Hanke

Was passiert, wenn an einem Tag plötzlich 400 Menschen vor der Tür stehen? Hattet ihr genug Kapazität, oder mussten auch knallhart Fälle abgelehnt werden?
Wir haben viel daran gearbeitet die Balance zu halten – viele Patienten zu sehen und Qualität zu gewährleisten. Doch als im August der Flüchtlingsansturm begann, hat sich das Camp stark vergrößert. Als sich rumgesprochen hatte, dass es bei uns umsonst medizinische Hilfe gibt, kamen wir an unsere Grenzen. Um dann Schwerkranken Akuthilfe leisten zu können, mussten schwierige Entscheidungen getroffen werden. Das heißt, auch Leute abzuweisen, die wir normalerweise gern behandelt hätten. Das war schwer. Schließlich war es unser Selbstverständnis allen Hilfesuchenden eine gute Lösung zu bieten.

Die Organisation Ärzte ohne Grenzen arbeitet neutral und unparteiisch. Als du in Bangladesch die vor Gewalt geflüchteten Rohingya gesehen hast, fiel es dir da nicht schwer, dem Grundsatz der Neutralität nachzukommen?
Ärzte ohne Grenzen arbeitet in mehr als 70 Ländern weltweit. Es gibt Situationen, in denen die Organisation politisch Stellung bezieht. Es bringt nichts als Mitarbeiter dieser Organisation seine Wut auf Facebook mitzuteilen und seine Verzweiflung in die Welt hinauszubrüllen. Dadurch könnte man andere Projekte in Gefahr bringen oder den Zugang zu den Bedürftigen verlieren. Aber dass man persönlich betroffen ist von Ungerechtigkeiten und Grausamkeiten, das steht außer Frage.

„Manchmal würde man das den Menschen am liebsten ins Gesicht schreien, was das alles wirklich bedeutet.“

Inwiefern hat es dich persönlich betroffen?
Es war traurig zu sehen, dass es eigentlich keinen Ausweg für diese Menschen geben wird. Menschen, ohne Schulbildung, die immer als staatenlos gelten werden, die selber kein Land bestellen können, wo es zum Teil viel Gewalt in der Familie gibt  – weil es bei ihnen an allen Ecken und Enden fehlt. Diese Verletzlichkeit. Das macht einen wütend. Wenn man die Geschichten der Menschen hört, wie es ihnen in Myanmar ergangen ist, würde man gerne aufschreien. Ich bin froh, dass das Thema jetzt auch in Europa angekommen ist. Der persönliche Eindruck ist aber noch um einiges schwerwiegender als das, was man in den deutschen Nachrichten hört. Manchmal würde man das den Menschen am liebsten ins Gesicht schreien, was das alles wirklich bedeutet.

Wie wirst du mit dem Erlebten – mit dieser Frustration umgehen?
Es wird immer schwierig bleiben aus der gesamten traumatischen Situation das Positive herauszuziehen. Ich habe wahnsinnig viel gelernt und auch viele schöne Dinge erlebt. Trotzdem weiß ich auch, dass der berühmte Tropfen auf dem heißen Stein ein wirklich kleiner Tropfen ist. Nicht nur im Camp, sondern auch international gesehen. Dort spielen sich ja viele ähnliche Katastrophen gleichzeitig ab, mit ähnlichem Leid und gleicher Hoffnungslosigkeit. Aber von den persönlichen Eindrücken, die man bekommt – was man lernt und für sich mitnimmt – ist es schon sehr reizvoll.

Rohingya Kinder laufen durch die Kutupalong Siedlung.

Gibt dir dein Einsatz rückblickend Kraft weiterzumachen?
Man kann viel daraus ziehen. Zu sehen, dass ein kleines Kind plötzlich wieder rumspringt und man – mit dem vor 2 Tagen noch sehr kranken Kind – wieder Faxen machen kann, zeigt, was man bewirkt hat. Dennoch bleibt im Hinterkopf, dass die Chancen für diesen jungen Menschen limitiert sind, ein würdiges Leben zu führen.

„Als ich zurückkam, fiel es mir schwer Freunden und Familie beim Klagen zuzuhören.“

Wie hat es deinen eigenen Blick auf die Heimat verändert, auf die Fokussierung, was im Leben wichtig ist?
Als ich zurückgekommen bin, war es schwer erträglich Freunde und Familie über ihr alltägliches Päckchen, das sie mit sich rumtragen, klagen zu hören. Ich hatte das Gefühl, dass es auf einem sehr hohen Niveau ist. Mittlerweile kann ich das wieder in den Kontext setzen, dass hier jeder mit seinen eigenen – persönlich schwerwiegenden – Problemen beschäftig ist. Ich hoffe dennoch, dass ich das Gefühl, mich glücklich schätzen zu können mit dem was ich hier habe, lange Zeit für mich mitnehmen werde. Ich muss mich nicht über mir widerfahrene Ungerechtigkeiten ärgern, weil ich weiß, was Ungerechtigkeit wirklich bedeutet und dass es selbst bei Rückschlägen keine strukturellen Ungerechtigkeiten sind, die mich verzweifeln lassen. Ich habe mein Leben in meiner Hand.

Was Konstantin dazu gebracht hat, für Ärzte ohne Grenzen zu arbeiten und woher er die Kraft für seinen Einsatz genommen hat, erfährst du hier.

Fotos: Antonio Faccilongo