Je nachdem, wo in Berlin man wohnt, erlebt man die Stadt von einer anderen Seite. Einige Jugendredakteure gewähren einen Ausblick aus ihren Fenstern und verraten, auf welches Berlin sie schauen, wenn sie gerade am Schreibtisch sitzen.

Lichterfelde: Vor meinem Fenster schlägt der Puls der Stadt. Dort verlaufen die Adern der S-Bahn. Meine Hood. Oh, Lichterfelde. Und dann fragt jemand: „Wo is’n das?“ – „Da unten, irgendwo im Südwesten“, antworte ich nüchtern. Aus meinem Fenster kann ich jeden Freitagabend die Leute beobachten, wie sie Landflucht betreiben, weil die nächste halbwegs gute Bar mindestens 20 Minuten entfernt ist. Wir sind einer dieser Kieze – einer von denen, dem kein Berlin-Song gewidmet ist. Es gibt keine Street-Art. Es gibt abends Totenstille. Dennoch bleibt das Gefühl von Liebe. Im Zehn-Minuten-Takt höre ich die S-Bahn einfahren. Aus dem Chaos der Stadt in eine Ruhe kommen. An heißen Tagen fährt man zehn Minuten weiter, um in den Schlachtensee zu springen. Manchmal sitzen ein paar Leute vor dem Lidl und trinken Bier. In der Ferne leuchtet das rote Späti-Schild. Seit Neuestem haben wir sogar einen Kiez-Obdachlosen und ein paar Straßenmusiker. Und plötzlich hört man auf dem Bahnsteig unten Menschen streiten. Polizisten kommen. Ein kleines bisschen Action gibt es auch hier. Fast schon revolutionär für Lichterfelde. Denn irgendwie ist es nichts Ganzes und nichts Halbes. Das, was Berlin erst zu dem macht, was es ist. Ein seltsames Land aus unentdeckten Ecken und diversen Atmosphären. Von Ria Lüth, 18 Jahre

Mitte: Ist es normal, dass ich, wenn ich aus meinem Fenster schaue, einen Garten sehe – obwohl ich in Mitte nahe dem Rosenthaler Platzes wohne? Ich würde sagen Nein! Wofür andere extra weit rausziehen, habe ich mitten in Berlin. Zugegeben, man sieht noch die Fenster einer Markthalle, aber das städtische Flair darf natürlich auch nicht komplett fehlen. Aber: Wenn ich im Garten stehe, höre ich nichts von der Straße. Einzig die Durchsagen von Rewe klingen gelegentlich in mein Zimmer. Und welcher Großstädter kann schon von sich behaupten, eine eigene Ulme zu haben? Wenn im Sommer alles grünt und blüht, ist die Aussicht natürlich noch mal ein ganzes Stück schöner. Sich auf der Terrasse im eigenen Garten sonnen zu können, wenn die Hausaufgaben gerade mal eine Pause brauchen, ist schon ein besonderes Privileg. Wird mir das turbulente Großstadtleben mal zu viel, schaue ich einfach aus meinem Fenster. Das hat durchaus ein beruhigendes Moment. Ich beobachte den Hasen, die Katze oder die verschiedenen Vogelarten, die herumfliegen. Aber auch jetzt, im Winter, wenn es kalt ist und alles gefriert, ist mein Ausblick grandios. Lukas Breit, 17 Jahre

Kreuzberg: Der multikulturelle Görlitzer Park ist mein täglicher Ausblick und lenkt mich des Öfteren von den Matheformeln ab. Vor allem jetzt, wo langsam wieder Plusgrade herrschen, die entlaubten Bäume aber noch einen freien Blick auf das Geschehen im Park zulassen, sehe ich neben Drogendeals auch viele schöne Alltagsmomente: Yoga-Gruppen auf den Wiesen, freudig plaudernde Grüppchen oder nächtliche Grillpartys. Besonders die alternative Wagenbrug „Lohmühle“ lädt zu genauerer Betrachtung ein. Durch zahlreiche Musikevents im Sommer lässt sich das farbenfrohe Gelände ohnehin nur schwer ignorieren. Erst vor Kurzem war meine Oma zu Besuch und beobachtete mit ungewohnter Neugier und Faszination bereits frühmorgens die jungen, halb nackten männlichen Bewohner des gegenüberliegenden Geländes bei ihrem Duschgang. Neben diesen kleinen amüsanten Geschehnissen sehe ich jedoch leider nicht zu selten auch die harte Seite Berlins. Immer wieder begleiten mich Sirenen und die flackernden Blaulichter durch die Nacht. Trotz allem liebe ich meinen Fensterausblick – weil er mir tagtäglich unser vielfältiges, buntes Berlin präsentiert und mir während der Hausaufgaben immer wieder herbeigesehnte Ablenkungsmomente zaubert. Minou Becker, 17 Jahre

Zehlendorf: Manche Leute meinen ja, Zehlendorf sei „doch gar nicht mehr richtig Berlin“. Sehe ich nicht so. Es muss ja nicht jeder Bezirk Clean-Eating-Restaurants und Vintage-Läden haben. Hier sind eben die Menschen Vintage. Man weiß immer, wann der Bus ankommt, weil dann nur noch etwa 50 Leute übrig bleiben. Ähnlich ruhig ist der Blick aus dem Fenster meines Zimmers. Ich schaue auf unseren Garten und die Häuser dahinter. Ja, langweilig. Aber wer schon eine Weile hier wohnt, weiß, dass sich hinter den Fassaden manchmal merkwürdige Leute verbergen. Der Mann im Haus links von uns zum Beispiel. Der ist seit 20 Jahren nicht mehr rausgegangen. Manchmal schaut er einen nachts aus seinem Fenster heraus an. Schon etwas gruselig. Im Haus auf der rechten Seite wohnt eine Familie, die wirkt, als hätte man sie direkt aus einem Katalog für Golfmode im britischen Stil geschnitten. Einmal die Woche wird Golf gespielt, danach hört man das Blockflöten-Ensemble der Mutter. Bis vor Kurzem gab es schräg links noch eine amerikanische Familie. Bei der wurde ständig gestritten. Es ist aber auch schön hier, besonders im Sommer. Dann kann ich im See schwimmen gehen oder mache einen Ausflug in die Stadt. Manchmal muss man eben unter Menschen sein. Helene Harnisch, 15 Jahre