Die Erfahrung lehrt

Großeltern haben viel zu erzählen – verpasst es nicht, ihnen zuzuhören

Maleen hatte nie ein sehr enges Verhältnis zu ihren Großeltern – aber eigentlich viele Fragen an sie. Doch als sie sie stellen wollte, war es zu spät dafür.

Von Maleen Harten

Als letztgeborenes Enkelkind mit großem Abstand zu den älteren Geschwistern hatte ich das distanzierteste Verhältnis zu meiner Oma und meinem Opa. Nie habe ich dort alleine übernachtet, nie mit ihnen telefoniert, nie alleine Zeit mit ihnen verbracht. Nur mit meiner großen Schwester zusammen war ich bereit, bei meinen Großeltern zu schlafen.

Eine wirkliche Nähe stellte sich, leider, nie ein. Dabei waren beide liebe, warmherzige und großzügige Menschen. Mein Opa war der stille Part, der das Gespräch lieber beobachtete. Meine Oma dagegen war quirlig und lebendig, immer in Bewegung. Sie sprach mit diesem unverwechselbaren Dialekt: einer Mischung aus Sächsisch aus ihrer erzgebirgischen Heimat und Plattdeutsch, das sie in Schleswig-Holstein von meinem Opa gelernt hatte. Wenn wir bei ihnen zur Tür hereinkamen, sagte sie: „Na, min Deern“, und ließ uns Kinder stundenlang Märchenfilme auf dem Wohnzimmerteppich sehen.

Nicht alles geht auch später noch

Während meine Geschwister in den folgenden Jahren einfach mal spontan bei meinen Großeltern vorbeifuhren, hatte ich das für mich selbst immer auf später geschoben. Irgendwann würde ich erwachsen sein, mit meinem eigenen Auto hinfahren und Kuchen mitbringen. Leider kam es nie dazu. Mein Opa starb relativ plötzlich und ließ meine Oma verwirrt zurück.

Als wir das Haus meiner Großeltern ausräumten, machte ich eine Ent­deckung. Mir fiel ein Buch in die Hände, in dem eine „Bund Deutscher Mädel“-Führerin, die der gleiche Jahrgang wie meine Oma war, von ihrer Verehrung für den Nationalsozialismus und ihrer Abkehr davon berichtete. Ich wusste, dass meine Oma auch beim BDM gewesen war, doch wie sie diese Zeit erlebt, was sie damals gefühlt und gedacht, ob sie bei Fahrten und Aktionen mitgemacht hatte, dies alles wusste ich nicht. Und bereute es nun.
Heute denke ich oft an sie und vermisse ihr tiefes Lachen, ihre plattdeutschen Redensarten und die spießig-gemütliche Behaglichkeit ihres Hauses. Vieles würde ich sie gerne noch fragen, doch dafür ist es nun zu spät.

Die Erfahrung lehrt: Verabredet euch gleich heute noch zu Kaffee und Kuchen und genießt die Weisheit und die Erinnerungen eines alten Menschen.

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