Ständiges Konkurrenzdenken macht die unbeschwerte Jugendzeit zunichte

Nach Tagen voller Stress und Nächten ohne Schlaf neigt sich das Schuljahr langsam dem Ende zu. Für zahlreiche junge Menschen bedeutet das: endlich das Abitur in der Tasche! Die Freude über die neu gewonnene Freiheit verfliegt jedoch schnell, wenn man daran denkt, was man nun mit seiner Zukunft anfangen soll. Jede Entscheidung könnte die falsche sein. Und mit den Horrorszenarien, die über so manchen Studiengang kursieren, wird das Gefühl vermittelt, es sowieso nicht schaffen zu können.

Generation der Selbstzweifler?

Das Erstaunliche ist, dass die Generation der Babyboomer diese Entscheidungsprobleme und diese wahnsinnige Angst vor der Zukunft scheinbar nicht gehabt hat. So locker und leicht wirkt es, wenn man die Bilder der 70er- und 80er-Jahre betrachtet. Als ob sie nur Spaß gehabt und nebenbei ihr Leben auf die Reihe bekommen hätten. Sie studierten einfach vor sich hin oder absolvierten eine Ausbildung, bei der ihnen nach drei Jahren ein sicheres Anstellungsverhältnis angeboten wurde. Sicher hat sich für diese Generation auch einiges verändert. Dennoch bin ich mir fast sicher, dass sie mit 22 Jahren nicht monatelang darüber gegrübelt haben, was passiert, wenn sie das Studium nicht schaffen, oder ob sie danach einen Job bekommen. Auch wenn der Schein trügt und jede Generation ihre Probleme hat – was ist mit uns passiert? Wieso trauen wir uns einfach nichts mehr zu? Die eine Hälfte meiner Altersgenossen hängt vor Netflix und vergisst dabei, dass man auch mal an die frische Luft gehen muss, weil man sonst aussieht wie die Gruselfigur Nosferatu. Ein anderer Teil geht non-stop feiern, um die beängstigenden Gedanken an die Zukunft einfach wegzutanzen. Und wieder andere arbeiten und lernen so viel, dass sie mit Mitte 20 vor dem Burn-out stehen. Das Schlimme ist, dass die meisten einfach am Ende sind, weil der innere Druck ihre Psyche schon in jungen Jahren kaputt gemacht hat. Täglich begleitet sie die Angst, zu versagen, nicht genügend Praktika gemacht oder einen zu schlechten Notendurchschnitt zu haben. Eventuell könnte jemand besser sein als man selbst.

In Stresssituationen bekommt man häufig gesagt: Kopf hoch! Doch wie soll das ­gehen, wenn dieser vor lauter Lernen immer schwerer wird? Foto: Fotolia/Moritz Wussow

In Stresssituationen bekommt man häufig gesagt: Kopf hoch! Doch wie soll das ­gehen, wenn dieser vor lauter Lernen immer schwerer wird? Foto: Fotolia/Moritz Wussow

Lebensgeschichten schreiben

Vielleicht sollte man sich einfach mal von der Illusion verabschieden, dass man der oder die Beste sein muss. Es wird immer Menschen geben, die einem überlegen sind. Und es bringt einem auch nichts, wenn man einer der Besten in seinem Jahrgang war, aber leider nicht fähig ist, soziale Kontakte zu knüpfen. Wenn man nach einem Semester merkt, dass man von einem Buch erschlagen wird und vor lauter Lernen keine Freunde mehr hat, sollte man lieber noch mal den Studiengang wechseln.

Wie sagte schon die Studentin Julia Engelmann mit ihrem Poetry-Slam: „Eines Tages, Baby, werden wir alt sein, oh Baby, werden wir alt sein und an all die Geschichten denken, die wir hätten erzählen können.“ Und es ist doch schöner, zu erzählen, dass man einen neuen und aufregenden Schritt gewagt hat, dass man über den eigenen -Schatten gesprungen ist und stolz auf sich sein kann. Wieso sollten wir das nicht schaffen, wenn es doch so vielen vor uns gelungen ist?

Von Melissa Gaudino, FOS 51, OSZ Körperpflege

BU: In Stresssituationen bekommt man häufig gesagt: Kopf hoch! Doch wie soll das ­gehen, wenn dieser vor lauter Lernen immer schwerer wird? Credit: Fotolia/Moritz Wussow