Die Dame

Die Weißsweinschorle als Sinnbild ihrer Tristesse umklammert, schob sich der fleischgewordene Anna-Vintour-Verschnitt mittleren Alters an den weißbetischdeckten Sekthaltern und den dazugehörigen Menschen vorbei. Sie vollführte währenddessen eine Mischung aus pikiertem Schnalzen und Schmatzen, was aber nur dafür sorgte, dass ihr zu dick aufgetragener Lippenstift sich auf ihre Zähne übertrug.

Hätte sie sich lächeln gesehen, wäre sie höchstwahrscheinlich zurückgeschreckt. Nicht nur aufgrund des Lippenstifts, auch, weil sich ihre Falten mittlerweile weit mehr in ihr Gesicht gegraben hatten, als sie sich selbst und andere immer glauben lassen wollte. „Das Alter holt uns alle, das bedeutet aber nicht, dass man nicht vor ihm wegrennen kann“, sagte sie immer. Das war ihre Sicht der Dinge, andere würden eher sagen, sie handele nach dem Prinzip: „Wenn ich die Augen zumache, sehen mich die anderen auch nicht.“

Darin liegt eigentlich die wahre Ironie des Alterns. Offenbar ist das Gemüt eines Menschen ein Hügel, der erklommen werden möchte. Im Laufe des Erwachsenwerdens legt man verspielte Verhaltensweisen at acta, um erst serös zu werden und sie dann während der Talfahrt des zusehenden Alterns als zweifelhafte Weisheit wieder hervorzukramen. Fast wie eine intellektuelle Vermeidungshaltung.

Als sie das Glas an die rissigen, übertünchten Lippen setzte, bemerkte auch die selbsternannte Grand Dame ihren Fehltritt. Schließlich befanden sich ebenda, wo ihre Lippen auflagen, nun blassrote Schlieren. Obwohl sie davon ausgehen konnte, dass dies niemandem aufgefallen war, platzierte sie ihr Glas möglichst schnell möglichst weit von sich entfernt und schlängelte sich in Richtung Garderobe. Der Saum ihres Kleides wurde dabei manchmal in Mitleidenschaft gezogen, mal verfing sich der Stoff an einer noch nicht ganz dreckigen Schuhspitze, mal staubte er die Wand ab. Doch das kümmerte sie nicht. So eitel sie nach außen hin zu sein schien, weltliche Güter und besonders ihr Hab und Gut war ihr nicht wirklich wichtig. Abgesehen von gutem Essen und eloquent wirkender Lektüre gab sie nur dann Geld aus, wenn sie es wirklich musste.