Mit Protestaktionen rufen Studierende der Freien Universität zum Boykott gegen VW auf

Allmählich füllt sich der kleine Raum im Haus der Bundespressekonferenz. Mit entschlossenem Blick wendet sich Peter Grottian an sein Publikum. „Dieser Boykott ist reizvoll, etwas riskant und eigentlich längst überfällig“, stellt der ehemalige Politikprofessor seine gemeinsam mit Studierenden der Freien Universität Berlin geplante Protest-Aktion gegen Volkswagen am vergangenen Donnerstag vor. Ziel sei eine vollständige Aufklärung des Abgasskandals sowie eine ökologische und gesundheitliche Entschädigung durch den Konzern.

Geplant seien vor allem Aktionen des zivilen Ungehorsams. So zogen die Studierenden nach der Pressekonferenz weiter in Richtung Regierungsviertel, um dort vor allem VW-Wagen mit „Von wegen: Das Auto“-Flyern zu versehen. „Wir protestieren gegen die Nulltransparenz und die Nullentschädigungspolitik von VW, die der Konzern nach dem Abgas-Skandal bis heute beibehalten hat“, erklärt die 20-jährige Politikwissenschaftsstudentin Laura Krausser ihr Engagement im Bündnis. „Viele Automobilhersteller arbeiten unsauber und VW steht in unserem Protest stellvertretend für die Machenschaften dieser großen Konzerne.“ Die 19-jährige Rachel Dalumpines fügt hinzu, dass sie auch ein persönliches Interesse daran habe, bei der Aktion mitzumachen. „Innerhalb meines Politikwissenschaftsstudiums hat mir bisher ein praktischer Teil gefehlt. Dieser Skandal ist etwas Reales, etwas Aktuelles, was die Menschen direkt betrifft.“

Bis Mai soll die Aktion laufen und ihr Ende mit einem Auftritt auf der Aktionärsversammlung von VW finden. Andere geplante Aktionen sind unter anderem die Enthüllung eines Piëch-Winterkorn-Denkmals Ende Januar in Berlin und Salzburg. Außerdem wurden VW-Fanclubs und Umweltverbände dazu aufgefordert, sich der Gruppe anzuschließen. Bisher sei die Bilanz dieser Anfragen allerdings ernüchternd. Grottian erklärt, dass viele vom Wort „Boykott“ abgeschreckt seien, weil diese Form des Protestes in Deutschland als zu radikal empfunden werde. Der engagierte Politikwissenschaftler begann bereits vor fünf Monaten mit der Planung der Protestaktionen. Er konnte bisher etwa 20 Studierende in einer Vorlesung zum Mitmachen animieren.

„Es wird ja oft von Politikverdrossenheit bei Jugendlichen gesprochen, aber ich sehe da eher eine Aktionsverdrossenheit“, sagt der 21-jährige Aljoscha Mayer. So würden in seinem Freundeskreis zwar viele gute politische Gespräche geführt, wenn es dann aber ans Anpacken ginge, kämen viele nicht aus ihrer Komfortzone heraus. „Ich wollte Teil dieser Kampagne sein, um auch endlich mal etwas zu tun.“ Ähnlich sieht es Hannah Schäfer, 22 Jahre alt. Sie motiviert dabei aber noch etwas anderes. In den aktuellen politischen Debatten werde häufig „arm gegen ärmer“ ausgespielt. „Der politische Aufschrei ist groß, wenn etwa neue Fälle von sogenanntem Asylbetrug öffentlich werden. Mit Forderungen nach angemessenen Entschädigungszahlungen bei Vergehen wie dem Abgasskandal sind dann aber plötzlich viele ganz kleinlaut.“

Cana Durmusoglu, 20 Jahre