Die zwei Teenager Frida und Luca sind ein Paar. Schwer verliebt und unglaublich aufgeregt stürzten sie sich in die Beziehung und stehen bald vor ihrem ersten Mal. Groß und verlockend steht das Thema im Raum und zwischen den zwei Hauptcharakteren.

Was nicht fehlen darf: ein Berg an Ängsten und Erwartungen, die die beiden beschäftigt. Mit Witz und Humor wird in der Darstellung der jungen Liebe kein Klischee ausgelassen und nahezu jede neugierige Überlegung ausgesprochen, die nicht selten an Zusendungen bei Dr. Sommer erinnern. Nur am Rande wird klar, dass Frida vor einiger Zeit mit Lucas älteren Bruder Jannek eine Liasion hatte.

War es bis hier hin eine lockere Tenniekitsch-Komödie, geht es spätestens mit dem Auftritt des Arztes in Kittel und streng gegeeltem Haar der Gefühlsachterbahn hinab. Eine verwirrende zweisträngige Handlung beginnt, in der die Zuschauer Luca und Frida beobachten, wie sie sich auf ihren gemeinsamen Abend vorbereiten, wärhend zeitgleich Lucas Mutter von der Krebsdiagnose ihres zweiten Sohnes Jannek erfährt.

Wie sollte das erste Mal sein? Jannek hat Krebs! Gibt es überhaupt das perfekte erste Mal? Wie therapiert man junge Krebspatienten? Wenn etwas schief geht, dann einfach weglächeln! Hätte der Krebs schon viel früher diagnostiziert werden können? Machen sich alle viel zu viele Gedanken?

Die Emotionsspirale schraubt sich Stück für Stück in die Köpfe des Publikums hinein – das im Übrigen auf Hockern und Pizzakartons mitten im Geschehen sitzt. Mal in Lucas Zimmer, als er Lichtstimmung und Bett einrichtet. Dann wieder in der Garage, in der Frida Autoreifen stapelt und über die verflossene Liebschaft mit Lucas älterem Bruder sinniert. Hier klopft schon leise ein Problem an, das bald das Stück dominieren wird: Wie wird Luca die Situation meistern, mit einem krebskranken Bruder, dessen Exfreundin er sich gerade angelt?

Beim stapeln der Autoreifen denkt Frida über ihre verflossene Liebschaft mit Lucas älterem Bruder nach. Foto Eike Walkenhorst

Beim stapeln der Autoreifen denkt Frida über ihre verflossene Liebschaft mit Lucas älterem Bruder nach. Foto Eike Walkenhorst

Jugend und Krebs wird derzeit oft behandelt, in Büchern und Filmen wie „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ oder „Beim Leben meiner Schwester“. Der Deutschen Oper Berlin und glanz&krawall ist es mit „Chemo Brothers“ jedoch gelungen, die Thematik mit vielen kleinen Überraschungen zu versehen. Die Tischlerei der deutschen Oper bietet mit seinen hohen Decken und Fabrikhallencharme die perfekte Location für ein minimalistisches und interaktives Bühnenbild, welches durch Podeste und Garagentüren mehrere Spielebenen ermöglicht. Futuristische Züge verleiht dem Stück die elektronische Live-Musik. Schemenhaft und über allem schwebend könnte man in dem DJ den Tod erkennen und im Perkussionisten in OP-Mantel und Mundschutz seinen Gehilfen. Durch die klassischen Gesangs-Einlagen zweier Darsteller ist der Begriff Musiktheater erfüllt, holt das junge Zielpublikum jedoch wohl er mit Rapeinlagen und Clubszenen ab.

Wer bei einem solch schweren Inhalt jedoch eine Lösung erwartet, wird enttäuscht. Regisseurin Marielle Sterra versteht es, den Spannungsbogen bis zur letzten Sekunde zu halten, um dann das Publikum mit offenen Fragen und verwirrten Blicken zurück zu lassen. Wer nicht diskutierend auf dem Heimweg das Ende in Frage stellt, hat im Stück geschlafen oder sich die ganze Zeit gefragt: „Was hat es nur mit der viel besungenen Pflanze im Glaskasten auf sich?“

Aufführungen:
Montag, 2. Mai 20 Uhr
Dienstag, 3. Mai 11 Uhr sowie 20 Uhr
Karten ab 8 Euro erhältlich

Mehr Infos unter www.deutscheoperberlin.de